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Metzer Festival mit digitalem Zauber und analogem Trump

Sommerfestival „Constellations“ : Metzer Festival mit digitalem Zauber und analogem Trump

Das Sommerfestival „Constellations“ soll eine Million Besucher nach Lothringen locken.

Zum dritten Mal hat die Stadt Metz jetzt ihr dreimonatiges Sommerfestival „Constellations“ gestartet. Dessen Hauptzweck ist es, mit Kunst und Kultur Touristen anzulocken. 950 000 Besucher, Einheimische wie Fremde, waren es 2018. Diesmal will Metz die Eine-Million-Marke knacken. Kann „Constellations“ in der dritten Auflage noch überraschen? Doch, aber auch durch einige Änderungen, die einen nicht nur glücklich stimmen.

Im Vorjahr hatte das künstlerische Leitungskomitee, bestehend aus Vertretern der großen Kultureinrichtungen und des Kulturamts, vier thematische Kunst-Parcours angelegt, die einen dazu verleiteten, die Stadt mit ihren schönen Ecken auch jenseits gängiger Besucherpfade zu entdecken. In diesem Jahr sind es nur drei Kunst-Strecken.

Die eigens für „Constellations“ geschaffenen temporären Kunstwerke sind weniger zahlreich und fallen im Stadtraum weniger auf. Auch sind sie  – gerade für Ortsunkundige – schwerer zu finden. Denn die Stadt hat diesmal leider darauf verzichtet, sie durch farbige Linien auf dem Straßenpflaster zu markieren (weil sie sich hinterher schlecht entfernen lassen). Die „Constellations“-App auf dem Smartphone hilft nicht immer weiter.

Weniger Kunst biete man keinesfalls, widerspricht Kulturbeigeordneter Hacène Lekadir. Man könnte es auch so sagen: Metz will mit einem Schwerpunkt trumpfen, setzt so ziemlich alles auf eine Karte, und die heißt digitale Kunst mit Licht und Sound. So wartet der Abend-Parcours „Pierres Numériques“, der von donnerstags bis samstags nach Einbruch der Dunkelheit „eingeschaltet“ wird und mit einem 15-minütigen Videomapping auf der Kathedrale beginnt, mit rund einem Dutzend faszinierender Kunsterlebnisse auf. Wobei die Bespielung der Kathedrale, ein Publikumsrenner, nicht unbedingt das stärkste ist. Der junge Künstler Vincent Masson taucht die Fassade in wilde Farb- und Ornament-Räusche, die ebenso überladen wirken wie die Soundkulisse des Collectif sin~.

Überzeugendere Licht- und Klang-Räusche erlebt man danach: Etwa im Innenhof des Musée de la Cour d‘Or, wo das Collectif Squidsoup 8000 LED-Lämpchen an Strippen aufgehängt hat, die je nach Aktivitätsgrad der Besucher, die sich mitten hineinbegeben, aufleuchten und die Farbe wechseln. Solcherart immersive Kunst, in die man hineintaucht und die schwer im Trend ist, gibt es auf dem Abendparcours noch mehrfach. In der Basilika St. Vincent, wo einem Laserstrahlen immer schneller um die Ohren fliegen. „1,3 Sekunden“ heißt Guillaume Marmins Installation. Genauso lang braucht ein Lichtstrahl, um den Weg zwischen Erde und Mond zurückzulegen. Im Maison de la Région (Verwaltungssitz der Region), einem ehemaligen Kloster, schickt Olivier Ratsi rotes Licht durch unzählige freihängende Rahmen im Kreuzgang. Man blickt und läuft dem Licht hinterher und mag sich kaum trennen.

Der stärkste Wow-Effekt jedoch stellt sich an der Pointe Fabert ein. Dort, wo sich zwei Moselarme treffen, hat Joanine Lemercier eine Art Gischtvorhang auf dem Wasser geschaffen, auf den sie bewegte Bilder projiziert, die einen in ferne Galaxien zu führen scheinen. Von stillerer aber nicht minderer Poesie sind die „Mutations du visible“ von Anaïs Tondeur. Sie holt quasi den Mond vom Himmel und projiziert ihn auf Kaimauern und Gebäude.

Während Metz mit diesen „Constellations“ die Digitalisierung als zukunftsweisend für die Kunst feiert, liest Romain Tardy dem digitalen Zeitalter im Temple Neuf bereits die Totenmesse. Seine Rauminszenierung „In Vivam Memorian“ mit Lichtzeichen, Vanitas-Stilleben, religiös anmutenden digitalen Icons und Texten aus dem Off fragt, was die Dauer-Online-Präsenz mit unserem Leben gemacht hat. Ein interessanter, kritischer Kontrapunkt.

Und natürlich lässt sich die Moselstadt bei allem Licht- und Digitalzauber auch tagsüber genießen: Mit einer Radtour entlang der grün-idyllischen Festungsmauern, an den Frauenporträts hängen, in 15 Kunstausstellungen im Centre Pompidou und kleineren Galerien. Zusammen mit Freiluftkino-Vorstellungen, Konzerten, Tanzaufführungen umfasst das Sommerfestival nach offiziellen Angaben 500 Veranstaltungsangebote.

Zwei Millionen Euro lassen sich unsere französischen Nachbarn das Gesamtspektakel kosten, wovon die Stadt 600 000 Euro beiträgt, 400 000 Euro die Europäische Union, 500 000 Euro Sponsoren, den Rest teilen sich Gemeindeverband, Département und Region. Fazit: Ein Besuch, und wenn es nur für einen Abend ist, lohnt. Noch bis zum 7. September.

Parcours Pierres Numériques, immer donnerstags bis samstags, Beginn bei der Kathedrale (Uhrzeit erschiebt sich mit dem Kalender): ab 11. Juli um 22.15 Uhr; ab 18. Juli um 22 Uhr; ab 1. August um 21.45 Uhr; ab 8. August um 21.30 Uhr; ab 15. August um 21.15 Uhr; ab 28. August um 20.45 Uhr, Infos: www.constellations-metz.fr