Kehl und Straßburg: Freiwillige messen die Belastung mit Feinstaub

Kehl und Straßburg : Dem Feinstaub auf der Spur

Rund um Kehl und Straßburg messen Freiwillige die Feinstaubbelastung – bis in ihre Küchen.

Samstag vor einer Woche, kurz vor halb zehn am Gleis 4 auf dem Kehler Bahnhof. Eigentlich will Sophie Rabourdin, in Kehl wohnende Französin, mit ihrem Smartphone zeigen, wie bei der gleich aus Straßburg einfahrenden dieselbetriebenen S-Bahn mit Fahrtziel Offenburg die momentane Feinstaubbelastung drastisch in die Höhe schießt. Doch als der Zug mit laufendem Motor am Bahnsteig hält, zeigt ihr Smartphone grün für alle drei Feinstaubpartikel-Größen an, die ein an ihrem Rucksack angebrachter Mikrosensor misst und über Bluetooth fast in Echtzeit an ihr Handy schickt.

„Die aktuelle Wetterlage und der Wind sorgen wohl dafür, dass der Feinstaub sofort verteilt wird“, sagt Rabourdin, die als Allgemeinärztin im Straßburger Stadtteil Neudorf arbeitet. An Tagen mit insgesamt hoher Luftverschmutzung im Raum Straßburg-Kehl habe sie direkt neben der S-Bahn mit Dieselmotor extreme Ausschläge bei der Feinstaubbelastung bis in den roten Bereich gemessen.

Die 35-jährige Französin, die sich im Ärztekollektiv „Strasbourg respire“ (Straßburg atmet) für bessere Luft in der Region engagiert, ist eine von 21 Freiwilligen, die seit 8. April im Ballungsraum Straßburg-Kehl mit Mikrosensoren sechs Wochen lang die Feinstaubbelastung messen – dort, wo sie gerade zu Fuß, mit dem Auto oder mit dem Fahrrad unterwegs sind (die SZ berichtete).

Das Projekt wird organisiert von der elsässischen Luftmessungs- und Überwachungsbehörde Atmo Grand­Est. Bei ihren Messungen in Kehl hat Rabourdin eines festgestellt: Die Feinstaubbelastungen an den Orten, wo sie gerade misst, hängt direkt zusammen mit der allgemeinen Spitzenbelastung und den Wetterbedingungen im Großraum Straßburg-Kehl und in der gesamten Region. Steht die Luft, weil kein Wind weht und weil durch eine so genannte Inversionswetterlage sich kalte Luft wie eine Glocke über warme Luft schiebt und die Zirkulation verhindert, bleibt auch die Feinstaubbelastung hoch. Die ersten Testergebnisse der anderen Freiwilligen scheinen die Erfahrung von Rabourdin zu bestätigen. Fünf von ihnen berichteten bei einer Pressekonferenz im Straßburger Vorort Schiltigheim darüber.

Anne-Marie Victor, 71, machte bei ihren Messungen eine überraschende Erfahrung: „Ich bin zwar eine Verfechterin der Herabstufung der Stadtautobahn A35, aber ich muss sagen, dass dort die Hauptverschmutzung mit Feinstaub nicht unbedingt am höchsten ist.“

Annie Zorn, 62, war erstaunt, dass sie eine der hohen Messausschläge hatte, als ihr Mann in der Küche Fleisch anbriet. „Die Feinstaubkonzentration ging sogar bis ins Schlafzimmer einen Stock höher und war noch nach einer Stunde messbar.“

„Die Messungen erlauben uns, eine klare Verbindung herzustellen, dass auf ein und der selben Strecke, die die Freiwilligen unterwegs waren, die Feinstaubbelastung je nach Uhrzeit, Wetter und anderen Gegebenheiten völlig unterschiedlich sein kann“, sagte Raphaèle Deprost von Atmo GrandEst. Ersten Ergebnissen zufolge hätten die Freiwilligen erhöhte Feinstaubbelastungen dort entdeckt, wo sie es gar nicht erwartet hätten, etwa in der Küche, im Bad, im Büro auf der Arbeit oder in der Nähe einer Person, die eine E-Zigarette raucht.

Sophie Rabourdin will aufgrund ihrer Messergebnisse in Kehl ebenfalls ihr alltägliches Verhalten ändern. Um ihren Sohn in die Kinderkrippe zu bringen, wird sie von zuhause aus nicht mehr den Weg über den Marktplatz und die Hauptstraße nehmen, sondern einen Umweg über eine weniger belastete Parallelstraße gehen.

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