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Im Reich der fleischfressenden Pflanzen in Freinsheim

Große Zucht in Freinsheim : Im Reich der fleischfressenden Pflanzen

Sie jagen ohne Bewegung und verdauen ohne Magen: Fleischfressende Pflanzen sind gruselige Gewächse. In der nahen Eifel befindet sich Deutschlands größter Zuchtbetrieb.

Die Fliege hat keine Chance. Kaum sitzt das Insekt auf dem Blatt des Fettkrauts, hält schimmernder Fangschleim das Opfer fest. Ihr Ende ist besiegelt. In Freinsheim geschieht das täglich Dutzende Male. Hier, im Süden von Rheinland-Pfalz, befindet sich Deutschlands größter Zuchtbetrieb für fleischfressende Pflanzen. Füttern muss das Team um Chef Bernd Weilbrenner die sogenannten Karnivoren nicht. „Die Nahrung fliegt sozusagen von selbst durchs offene Fenster“, sagt Weilbrenner. Unweit des Fettkrauts liegen die Überreste einer toten Schnake in einer Venusfliegenfalle.

Eine Pflanze, die Fleisch frisst –  das klingt paradox und zugleich faszinierend, weil die Grenze zwischen Botanik und Tier hier fließend scheint. Als Grund für die ungewöhnliche Nahrungsquelle nennt der Experte Thomas Gronemeyer unter anderem den Standort der Pflanzen. Sie wachsen oft auf nährstoffarmen Böden wie Mooren oder auf Bäumen. Gronemeyer ist Vorsitzender der Gesellschaft für Fleischfressende Pflanzen im deutschsprachigen Raum. Der Ulmer Fachmann sagt, dass das Fleischfressen den Pflanzen einen Überlebensvorteil verschafft.

Die Venusfliegenfalle zum Beispiel besitzt eine Klappfalle mit stachelförmigen Fühlborsten an den Rändern beider Fangblätter. Wie bei einem zirkusreifen Trick schnappt die Falle bei Berührung der Borsten zu. Das Opfer ist verzehrbereit. Die Pflanze ist sogar in der Lage, zwischen Beute und zufällig in die Falle geratenem Material zu unterscheiden. Ohne Bewegung der Beute wird der Verdauvorgang nicht eingeleitet, und die Falle öffnet sich. Deswegen mache es keinen Sinn, sagt Gronemeyer, die Venusfliegenfalle etwa mit toten Insekten zu füttern. „Man verringert so nur die Lebensdauer der Falle.“

Auch Weilbrenner haben die Mechanismen stets fasziniert. „Die funktionieren perfekt. Fliegen fallen immer noch auf die Pflanzen herein.“ Eigentlich ist er gelernter Winzer. „1983 habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Der Weinanbau ist inzwischen das Hobby.“

An diesem sonnigen Juni-Tag schlendert der Chef durch die Gänge seiner Gärtnerei. Kannenpflanzen stehen neben Schlauchpflanzen, in der Nähe glitzert das für Fliegen so verführerische klebrige Sekret des Sonnentaus. Etwa 20 Beschäftigte arbeiten an der Zucht von Karnivoren. „Von hier aus treten die Pflanzen ihre Reise in alle europäischen Länder an.“ Wenn die Pflanzen Europa verlassen, brauchen sie eine Art Reisepass. „Das ist eine Bescheinigung nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen, dass die Pflanzen in einer Gärtnerei gezüchtet wurden und nicht der Natur entnommen wurden.“

Denn viele Arten sind an ihrem Naturstandort bedroht – etwa durch Ausweitung von Siedlungen und durch Absammeln. „Das ist natürlich verboten, wird aber gemacht. Der Verkauf läuft über das Internet“, erzählt Weilbrenner. „Wenn es uns gelingt, die Pflanzen in unserer Gärtnerei selbst zu züchten, wird der illegale Markt ausgetrocknet. Denn – warum soll ein Liebhaber eine illegale Pflanze kaufen, die er nach zwei Wochen Transport in schlechtem Zustand bekommt, wenn er ein schönes gesundes Exemplar im Gartencenter haben kann?“

Ähnlich sieht es Gronemeyer. „Leider gibt es immer noch sogenannte Liebhaber, die eine Pflanze direkt vom Standort oder zumindest eine aus Standort-Samen gezogene Pflanze in der Sammlung haben möchten.“ Dadurch sei die Nachfrage nach gesammelten Pflanzen und Samen vom Standort noch vorhanden. „Insbesondere bei tropischen Kannenpflanzen, von denen manche Art nur auf einem einzigen Berg vorkommt, kann ein solcher Beutezug das Ende der ganzen Art bedeuten.“

 Eine fleischfressende Kannenpflanze hängt in einem Gewächshaus der Firma ·Gartenbau Weilbrenner.
Eine fleischfressende Kannenpflanze hängt in einem Gewächshaus der Firma ·Gartenbau Weilbrenner. Foto: dpa/Uwe Anspach

Fleischfressende Pflanzen werden wegen ihrer dekorativen Fangorgane gern auf der Fensterbank oder im Moorbeet kultiviert. Nach Gronemeyers Schätzung gibt es rund 1000 private Züchter oder Sammler im deutschsprachigen Raum, die sich ernsthaft damit beschäftigen. Hinzu kommen ungezählte Menschen, die etwa im Baumarkt oder im Gartencenter eine Venusfliegenfalle oder einen Sonnentau mitnehmen. In Freinsheim „reden wir über 50 Arten und Sorten, es kommen immer wieder neue dazu“, erklärt Weilbrenner.

(dpa)