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Deutsch-französisches Projekt
Grenzüberschreitende Gesundheitszone stockt

Bei einem Notfall zählt jede Sekunde. Doch die Grenze zwischen dem Saarland und Frankreich bleibt ein Hindernis. Einzig mit den SHG-Kliniken in Völklingen gibt es bisher eine funktionierende Absprache.
Bei einem Notfall zählt jede Sekunde. Doch die Grenze zwischen dem Saarland und Frankreich bleibt ein Hindernis. Einzig mit den SHG-Kliniken in Völklingen gibt es bisher eine funktionierende Absprache. FOTO: dpa / Hauke-Christian Dittrich
Saarbrücken. Vor drei Jahren wurde das Krankenhaus-Projekt zwischen saarländischen und lothringischen Partnern angestoßen. Doch es gibt noch viele Hindernisse. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

Im März 2015 gingen die Verantwortlichen mit dem Projekt einer grenzüberschreitenden Gesundheitszone zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Das Konzept: Menschen aus dem Regionalverband Saarbrücken zu ermöglichen, besondere medizinische Leistungen in den Krankenhäusern von Forbach, St. Avold und Saargemünd in Anspruch zu nehmen – und natürlich auch umgekehrt. Das Ganze sollte über die jeweilige Krankenkasse und ohne zusätzliche Kosten im Vergleich zum Heimatland abgerechnet werden. Dann wurde es lange still um das Projekt. Fakt ist: Obwohl eine Umsetzung ursprünglich für Ende 2015 angekündigt war, ist die grenzüberschreitende Gesundheitszone bis heute Theorie.


Auf der französischen Seite zeigen Politiker erste Anzeichen der Ungeduld. Als vor ein paar Wochen der französische Premier Edouard Philippe in Metz zu Gast war, nutzten die Bürgermeister von Forbach und Saargemünd, Laurent Kalinowski und Céleste Lett, die Gelegenheit, um ihn an das Versprechen der Regierung zu erinnern. Denn sowohl bei den deutsch-französischen Konsultationen 2015 in Metz als auch 2017 in Hambach hatten die Vertreter beider Regierungen dafür plädiert, dieses Abkommen schnell zu unterzeichnen und umzusetzen.

„Leider konnten die Absichtserklärungen von der Regierung bisher nicht in Taten umgewandelt werden“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung beider lothringischer Bürgermeister. Rückendeckung bekommen sie von Christophe Arend und Nicole Trisse, beide Abgeordnete in der Nationalversammlung in Paris. „Seit Beginn unseres Mandats betonen wir die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit, um den Zugang zu Gesundheitsleistungen für alle in dieser Region im Herzen Europas zu verbessern“, teilen die beiden mit.



Doch die Sache ist äußerst komplex. Denn auf beiden Seiten der Grenze sind zahlreiche Partner in das Projekt eingebunden. „Im Saarland wird man die Kooperation zunächst auf zwei Krankenhäuser konzentrieren. Auf französischer Seite sollen vier Krankenhäuser in Grenznähe beteiligt werden. Derzeit bedarf es noch weiterer Abstimmungen zwischen den Vereinbarungspartnern“, sagt Frederic Becker, Sprecher des saarländischen Gesundheitsministeriums, auf Anfrage. Die Vereinbarung könne aber erst endgültig umgesetzt werden, wenn alle noch zu klärenden Punkte zwischen den Vereinbarungspartnern geklärt worden seien.

Darüber hinaus stellen die verschiedenen Krankenkassensysteme in Deutschland und in Frankreich große Herausforderungen dar. Das bestätigt Laura Philis von der französischen Gesundheitsbehörde ARS. In Deutschland fehlt bisher ein zentraler Ansprechpartner der Krankenkassen, der sich für deutsche Patienten, die in Frankreich behandelt werden,  um die Abrechnung mit den französischen Kankenhäusern kümmert. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, eine einzige Krankenkasse damit zu beauftragen. In Frankreich sei das schon der Fall, sagt Philis: Die Regionalstelle der Krankenkasse CPAM im Département Bas-Rhin fungiere als zentraler Ansprechpartner für Behandlungen von Franzosen in Deutschland.

Was den zeitlichen Rahmen betrifft, sagt Philis: „Die Abstimmungsarbeiten werden ab September wieder aufgenommen.“ Auf ein genaues Datum für den Start der grenzüberschreitenden Zone will sich aber weder in Frankreich noch im Saarland jemand festlegen.

Wie diese komplexe binationale Zusammenarbeit erfolgreich funktionieren kann, zeigt ein Beispiel aus Forbach und Völklingen. Seit 2013 kann der französische Rettungsdienst Herzinfarkt-Patienten aus 27 lothringischen Gemeinden rund um Forbach zur Behandlung ins Herzzentrum der SHG-Kliniken Völklingen bringen. Jeder Patient entscheidet frei über seinen Behandlungsort. Wenn der Patient in Völklingen notversorgt und stabilisiert wurde, bringt ihn der französische Rettungsdienst zurück. Die zweite Säule der Vereinbarung: Völklinger Kardiologen übernehmen Dienste in der Forbacher Kardiologie, um dortige Personalengpässe abzufedern und so einen weiteren Beitrag zur kardiologischen Versorgung im lothringischen Kohlebecken zu leisten.

„Die Anzahl der Patienten, die vom französischen Rettungsdienst aus dem lothringischen Kohlebecken nach Völklingen gebracht werden, hat sich auf durchschnittlich einen Patienten pro Woche eingependelt. Die Anzahl der Dienste Völklinger Ärzte in Forbach liegt bei durchschnittlich sieben pro Monat“, erklärt Saskia Rybarczyk. Sie ist Beauftragte für grenzüberschreitende Zusammenarbeit am Herzzentrum und kennt die Hürden der binationalen Kooperationen im medizinischen Bereich.

Sie weiß auch, wie man diese überwindet. Ein wichtiger Schlüssel für den Erfolg: „Unsere Erfahrungen zeigen, dass ‚Kümmerer’ gebraucht werden. Ressourcen bei allen Verhandlungspartnern sind eine Grundlage erfolgreicher Abkommensabschlüsse und vor allem ihrer anschließenden praktischen Umsetzungen.“ Sie warnt aber auch, dass man für die Umsetzung einen langen Atem brauche, und erinnert daran, dass es die erste Kontaktaufnahme zwischen Ärzten aus Völklingen und Frankreich mit dem expliziten Wunsch zusammenzuarbeiten bereits 2002 gab. Also neun Jahre, bevor eine Vereinbarung tatsächlich unterzeichnet und umgesetzt wurde.