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Zweiter Weltkrieg: Suche nach Zeitzeugen in Saarland und Moselle

Zweiter Weltkrieg im Saarland und in Moselle : Historikerin sucht Kriegsgefangene aus der Region: „Viele haben mich angefleht, schnell zu ihnen zu kommen“

Eine Metzer Doktorandin ist auf der Suche nach den Schicksalen von Kriegsgefangenen, die während des Zweiten Weltkriegs in Lagern im Saarland und im benachbarten Département Moselle interniert waren. Für ihrer Arbeit sucht die junge Historikerin nach Zeitzeuginnen und Zeitzeugen beiderseits der Grenze.

Hunderte Kriegsgefangenenlager waren während des Zweiten Weltkrieges im Gau Westmark, Teilen des heutigen Saarland und Lothringens, der Aufenthaltsort für unzählige Kriegsgefangene. Deren Geschichten sind heute fast vergessen. „Ich möchte die Geschichte der Kriegsgefangenen, der vergessenen Opfer des Nationalsozialismus, wieder ans Licht bringen“, sagt Chrystalle Zebdi-Bartz, Doktorandin der Germanistik an der Université de Lorraine in Metz. Die 24-jährige Frau aus Freyming-Merlebach hat sich für die nächsten drei Jahre eine große Aufgabe gestellt: Mit ihrer Doktorarbeit will sie „ein Bild des Territoriums Saarland-Moselle während des Zweiten Weltkriegs zeigen“, erklärt Zebdi-Bartz. „Es gab hier mehr als 500 Kriegsgefangenenlager und man hat kaum eine Ahnung, wie es darin ausgesehen hat.“

Kriegsgefangenenlager: Wenig Forschung in Region Saarland-Moselle:

Besonders am Herzen liegt Zebdi-Bartz die Geschichte des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Ban-Saint-Jean in Denting bei Boulay. „Dort wurden 1945 die Massengräber untersucht und man ging von 20 000 ukrainischen und russischen Leichen aus. 1979/80 wurden die Gräber noch einmal untersucht und man hat nur noch Überreste von 2879 Leichen gefunden.“ Danach sei die Geschichte von Ban-Saint-Jean vergessen worden. „Ich bin zehn Minuten davon entfernt zur Schule gegangen und habe nie etwas über das Lager in der Schule gelernt“, äußert sich Zebdi-Bartz bedrückt. Der jungen Frau ist ihre Anteilnahme an der Vergangenheit ihrer Heimat deutlich anzumerken, wenn sie über ihre Doktorarbeit spricht.

Bisher sei in der Region Saarland-Moselle noch nicht viel über Kriegsgefangenenlager geforscht worden. „Manche Historiker haben sich schon mit Moselle während des Zweiten Weltkriegs befasst und Dinge publiziert. Aber niemand hat bisher so einen themenspezifischen Schwerpunkt gesetzt, wie ich es mit meiner Doktorarbeit vorhabe.“ Dabei orientiert sie sich unter anderem an den Konzepten rund um die Oral History, also die unmittelbar erlebte und mündlich überlieferte Geschichte. Zebdi-Bartz möchte im Rahmen ihrer Dissertation „eine große Datenbank mit Zeitzeugeninterviews anlegen und die Inhalte der Interviews mit Daten aus Archiven vergleichen“.

„Viele haben mich angefleht, schnell zu ihnen zu kommen“

Mit ihrer Arbeit steht die junge Historikerin gerade erst am Anfang. Sie hat einen Aufruf an mögliche Zeitzeugen in einer lothringischen Zeitung gestartet. „In den Tagen danach habe ich mehr als 30 Nachrichten von alten Leuten bekommen. Dabei sind mir wirklich die Tränen gekommen. Viele haben mich angefleht, schnell zu ihnen zu kommen, da sie sehr krank seien, bald sterben würden und viel von den Kriegsgefangenenlagern gesehen, aber noch nie darüber gesprochen hätten.“

Für die Gespräche sucht Zebdi-Bartz Menschen, die zwischen 1940 und 1945 in Lothringen oder im Saarland lebten und heute noch Erinnerungen an die Kriegsgefangenenlager haben. „Ich suche aber auch Leute, die Geschichten aus dieser Zeit erzählen können, die ihnen von ihren Eltern oder Großeltern berichtet wurden“, sagt Zebdi-Bartz. Der Leitgedanke ist für sie dabei der Satz der Auschwitz-Überlebenden Ginette Kolinka: „Jemand der einem Zeitzeugen zugehört hat, wird selbst ein Zeitzeuge.“ Alle Gespräche könnten im Video- oder auch im Audioformat festgehalten werden. „Ein Telefonat mit Zeitzeugen, ein Brief oder eine E-Mail ist mir auch lieb. Ich passe mich da vollkommen den Wünschen und Möglichkeiten der Zeitzeugen an.“

Ein erstes Zeitzeugengespräch hat Zebdi-Bartz kürzlich mit ihrer Großtante geführt. „Sie hat mir erzählt, dass sie im Alter von fünf Jahren in Creutzwald jeden Morgen die Kriegsgefangenen gesehen hätte, als diese auf dem Weg in die Minen waren. Alle wären sehr abgemagert gewesen und hätten schmutzige Kleidung getragen. Trotzdem hätten sie meiner Großtante und anderen Kindern aus Güte ein paar Sonnenblumenkerne geschenkt.“ Auf die anstehenden Zeitzeugengespräche freue sie sich schon sehr und beendet das Gespräch schmunzelnd mit dem Satz: „Ich bin sehr fröhlich und sehr nett. Die Menschen brauchen keine Angst zu haben.“

Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesucht: Wer über die Kriegsgefangenlager in Moselle und im Saarland im NS-Zwangsarbeitersystem berichten kann, soll sich bei Chrystalle Zebdi-Bartz melden. Kontakt unter Tel. +33 6 21 60 68 08 und Pow1940.1945@gmail.com.