„Wir haben noch viel Arbeit vor uns“ - Interview mit Jean Rottner

Interview mit Jean Rottner : „Wir haben noch viel Arbeit vor uns“

Der Präsident der französischen Region Grand Est will die Zusammenarbeit mit dem Saarland ausbauen – zum Beispiel beim Verkehr.

Jean Rottner ist seit 2017 Präsident des Regionalrats von Grand Est, also auf Seiten der französischen Region das Pendant zu Ministerpräsident Tobias Hans (CDU). Im Interview mit der SZ spricht der konservative Politiker über seine Ideen zur grenzüberschreitenden Kooperation.

Sowohl der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans als auch Sie, Herr Rottner, als Präsident der Region Grand Est haben kürzlich bekundet, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit verstärken zu wollen. In welchen Bereichen wollen Sie Schwerpunkt setzen?

ROTTNER Ich sehe eine Kooperation im Nahbereich, auf lokaler Ebene. Mein Ziel ist, dass sie auf Ebene der Region noch stärker wird, was der Aachener Vertrag ja jetzt ermöglicht. Das Saarland ist natürlich sehr präsent durch seine Frankreich-Strategie im Bereich der Sprachen.

Haben Sie vor, in Grand Est eine Deutschland-Strategie zu entwickeln? Es gab ja dazu 2015, kurz vor der Territorialreform in Lothringen, schon einmal einen ersten Ansatz. Seitdem hat man aber nichts mehr davon gehört.

ROTTNER Ich habe es lieber konkreter. Anstatt dass jede Seite eine Strategie entwickelt, sollten wir lieber konkrete Vorhaben angehen, die sich im konkreten Alltag der Menschen auswirken – im Bereich Spracherwerb und Arbeitsmarkt etwa. Ich denke, mit Tobias Hans haben wir einen ziemlich schlüssigen Weg, die uns betreffenden Themen zu verstehen. Es geht mir mehr denn je darum, die Beziehungen zum Saarland zu stärken und konkret und effektiv zu machen. Im Bereich grenzüberschreitender Zugverkehr habe ich mit dem Saarland und Rheinland-Pfalz ja schon Vereinbarungen getroffen. Wir wollen gemeinsam Zugmaterial für die Strecken Saarbrücken-Metz und Saarbrücken-Straßburg anschaffen und auch E-Tickets für Smartphones einführen, die grenzüberschreitend gelten.

Was halten Sie von weiteren Projekten, für die sich Institutionen wie der Eurodistrikt Saarmoselle und Bürgerinitiativen einsetzen und dafür auf Unterstützung von Landes- und Regionalebene hoffen? Etwa eine Verlängerung der Saarbahn-Strecke, einen Tram-Train bis Forbach und durchs Rosseltal?

ROTTNER Ich habe davon gehört. Ich fahre demnächst nach Forbach, um die Politiker zu treffen. Das ist auch eine Sache, die ich direkt mit Tobias Hans besprechen werde, um zu sehen, wie wir da zu einer gemeinsamen Position finden.

Und was halten Sie von dem Projekt eines Ringzugs, der die Quattropole-Städte Saarbrücken, Metz, Luxemburg und Trier verbindet?

ROTTNER Das sind auf jeden Fall interessante Projekte, aber eher längerfristige als die Verbindungen Saarbrücken-Metz und Saarbrücken-Straßburg. Wichtig ist heute, dass man Verkehrsverbindungen gemeinsam betrachtet und nicht jeder nur auf das Seine guckt.

Was können und wollen Sie tun, damit junge Franzosen die Chance einer grenzüberschreitenden Berufsausbildung stärker nutzen? Bisher stand dem ja auch entgegen, dass duale Ausbildung in Frankreich fremd ist, schulische Diplome höher im Kurs stehen.

ROTTNER Das ändert sich gerade durch die Schulreform, die wir in Frankreich auf den Weg gebracht haben. Wir haben aber noch viel Arbeit vor uns, etwa bei der grenzüberschreitenden Anerkennung der Berufsabschlüsse. Wir werden jetzt auch Kandidaten für eine grenzüberschreitende Berufsausbildung und die Betriebe stärker begleiten. Wir haben 3,5 Millionen Euro dafür bereitgestellt. Damit haben wir unter anderem 3200 Plätze geschaffen, um Arbeitssuchende für die Anforderungen des grenzüberschreitenden Arbeitsmarktes zu qualifizieren. Wir haben darüber hinaus sprachliche Weiterbildungen in Deutsch, Luxemburgisch und Englisch für 1100 Kandidaten vorgesehen und für weitere 1200 Schulungen mit einer innovativen Internet-Plattform in den drei Sprachen.

Sie sagen, zwischen Ihnen und Tobias Hans herrscht großes Verständnis, Einverständnis. Doch das Plädoyer der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer, das Europa-Parlament ganz nach Brüssel zu verlegen, dürfte Ihnen gar nicht gefallen. Sie haben daraufhin an Präsident Macron geschrieben, warum an ihn?

ROTTNER Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Aussage ohne Konsultation auf höchster Ebene des deutsch-französischen Paares möglich gewesen wäre. Es ist nicht nur Straßburg, die europäische Hauptstadt, Sitz des Parlaments, des Europarates und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, sondern Frankreich würde geschwächt, wenn dieser Vorstoß bestätigt würde. Ich habe Präsident Emmanuel Macon daher gebeten, seine Position klarzustellen und die Position Straßburgs in Europa zu bestätigen.

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