1. Saarland
  2. Blick zum Nachbarn
  3. Blick nach Frankreich

Wie Forbach Theater Le Carreau nach Corona das nächste Problem angeht.

Neue Probleme nach Corona : Improvisieren auf der Warteposition

Das Carreau in Forbach und seine Gastspiel-Kompagnien plagen sich nicht nur mit der Corona-Pause. Der erzwungene Stillstand wirft noch längere Schatten.

Kinofans kennen sie als verschrobene Sympathieträgerin von der großen Leinwand („Das brandneue Testament“), an diesem Samstag sollte Yolande Moreau im Forbacher Le Carreau mit dem Stück „Prévert“ ihre Präsenz live versprühen. Dass daraus nun nichts wird, ist klar. Die nationale Bühne hat nach den Anordnungen zur Eindämmung von Covid-19 alle Aufführungen der Monate März und April abgesagt. „Es ist sehr schwer, die Türen eines Theaters zu schließen“, sagt Laurence Lang, künstlerische Interims-Leiterin und Generalsekretärin des Carreau. Aber das Theater an der Ostgrenze Frankreichs muss nicht nur mit dem Virus-Stillstand umgehen, sondern sich auch noch Sorgen um das Danach machen.

„Bisher haben wir drei Vorstellungen abgesagt und versuchen sie in der kommenden Saison nachzuholen“, sagt Lang. Da die betroffenen Künstler auch mit anderen Theatern neu verhandeln, ist die Terminfindung gerade keine leichte Aufgabe. „Dabei stellt sich auch die Frage, ob wir in der neuen Saison den bereits geplanten Aufführungen Priorität einräumen oder denen, die wir nachholen wollen?“ Unterdessen bezahlt das Carreau seine Angestellten und sein technisches Personal weiter. „Es wird beunruhigend, wenn diese Zeit andauert. Die Ausgaben für die Aufführungen haben wir ja geplant, das Problem ist, dass wir keine Einnahmen aus Ticketverkäufen haben“, erklärt Lang. Die stellen im Carreau demnach zehn bis 15 Prozent der jährlichen Eigenmittel dar.

Eine der betroffenen Kompagnien, die für das Carreau auftreten wollte, ist das Rodéo Théâtre mit ihrem Marionettenstück „La vie devant soi“. Auch abgesagt wurden ihre vier Vorstellungen in Rochefort und ein Auftritt in Lille. „Wir sind uns durch diese Situation mehr denn je bewusst geworden, wie fragil das Kulturnetz ist“, sagt Regisseur Simon Delattre, der die Kompagnie vor sechs Jahren gegründet hat. Und meint damit Aufbau und Funktionsweise, wobei Frankreichs Theater keine festen Ensembles pflegen, sondern das Gastspielprinzip mit Freischaffenden. „Es wird leicht vergessen, dass in einer Abendvorstellung ein Jahr Arbeit steckt“, sagt Delattre. Aber sein Rodéo Théâtre habe für März die Mehrheit der Gehälter des Teams zahlen können – auch dank des Carreau. „Der Dialog war sehr wohlwollend und aufmerksam, wir konnten die Vorstellung zum Selbstkostenpreis in Rechnung stellen“, sagt Delattre. „Das war für uns eine wichtige solidarische Geste.“

Als Hilfsmaßnahme in der Zwangspause, in der die Bühnenfreischaffenden nichts verdienen, hat der französische Staat ihren Abrechnungstermin um die Dauer der Ausgangssperre verlängert. Das bedeutet, wer jetzt die notwendigen 507 mit einer Gage bezahlten Arbeitsstunden belegen muss, um Arbeitslosengeld zu erhalten, bekommt die Sperre als Verlängerung. Künstler, die damit später fällig sind, etwa im November wie Delattre, wissen indes nicht, ob sie in den Genuss derselben Regelung kommen. „Wir werden zwischen Juli und Dezember viel für unser neues Stück proben, insofern werde ich meine 507 Stunden erreichen“, sagt Delattre, dem als Referent aber auch ein fünfwöchiger Workshop an einer Theaterschule weggebrochen ist.

Ob die Fristverlängerung nach der Krise bei allen Künstlern reichen wird, um – angesichts eines wohl erst langsam wieder in Gang kommenden Kulturlebens – Ausfälle zu kompensieren, steht auf einem anderen Blatt. Überdies liegt das Arbeitslosengeld 15 bis 20 Prozent unter den oft geringen Honoraren.

„Sollten wir keine Teilzahlungen von Theatern oder Unterstützung bekommen, beläuft sich unser Verlust bis Ende Mai auf 55 000 Euro“, sagt Claire Girod, Produktionsleiterin von La Bande Passante, einem Spielzeitpartner des Carreau. Die für ihr Papier-Objekttheater bekannte Metzer Kompagnie („Cockpit Cuisine“) hat 15 Vorstellungen und viele Vorbereitungs-Ateliers für ihr neues Stück absagen müssen. „Statt im nächsten Jahr werden wir das neue Stück erst Mitte 2022 vorstellen können“, prophezeit Girod.

Wenn diese „Annulations“ im Forbacher Carreau vom Tisch sind, steht dort das nächste Problem an. Schließlich befindet sich das Kulturzentrum aus den 1980er Jahren derzeit im pausierten Umbau, denn aufgrund des Virus ruht in Forbach auch diese Baustelle. Für sechs Millionen Euro wird das Theater bis 2022 in mehreren Phasen erneuert. Behindertenzugang, Isolation, Sanitäranlagen sind nicht mehr zeitgemäß, manche Decke hat durch Einsickerung gelitten, und eine mehrstufige Anladerampe soll angebaut werden. Derzeit sind der kleine Zuschauersaal Heiner Müller und die Künstlerlogen dran. „Für uns kommt nun die Angst hinzu, dass der kleine Saal zur neuen Saison nicht wie geplant fertig ist“, sagt Lang. „Es wird sehr schwierig, wenn wir zum Loostik-Festival nicht über diesen Saal verfügen.“ Denn im vergangenen Oktober liefen mehr als 30 Termine des Jugendtheaterfestes im Carreau.

Dafür hat sich inzwischen ein anderes Fragezeichen aufgelöst: Yolande Moreau hat Platz in ihrem Kalender gefunden und kommt nun im Juni 2021 nach Forbach. 13 Monate später als ursprünglich geplant.