Wenn die Stadt zum Schlachtfeld wird

Metz · Seit den Anschlägen von Paris vor knapp einem Jahr hat sich der Arbeitsalltag in Frankreich nicht nur für Polizisten geändert. Auch Mediziner werden jetzt für eine ganz spezielle Art der Notfallversorgung geschult.

Neun Jahre dauert in Frankreich das Studium zum Allgemeinmediziner . Wer Facharzt werden möchte, hängt noch zwei Jahre dran. Man könnte meinen, in dieser Zeit werde das Spektrum möglicher Eingriffe komplett abgedeckt. Doch eines fehlt. "Bisher steht die Versorgung von durch Kriegswaffen verursachten Verletzungen nicht auf dem Lehrplan. Das wird sich ändern. In Zukunft werden angehende Allgemeinmediziner und Anästhesisten das bereits im Studium lernen", erklärt François Braun, Leiter der Notfallstation im Krankenhaus Mercy in Metz . Bevor das umgesetzt wird, soll das bestehende Krankenhauspersonal geschult werden.

Diese Fortbildung namens "Damage Control" wurde für ganz Frankreich konzipiert. Als erstes wurde das medizinische Personal in den Städten geschult, in denen im Sommer EM-Spiele stattfanden. Bis zum Ende des Jahres soll das Programm in jeder Stadt abgeschlossen sein. Das Metzer Team um François Braun hat das Training hinter sich. "Damage Control lehnt sich an die Praktiken der Militärmedizin", beschreibt der Arzt. Diese unterschieden sich von der Katastrophenmedizin, wie zum Beispiel nach einem Erdbeben. "Bei einer Naturkatastrophe wird oft ein Feldlazarett eingerichtet, in dem die verschiedenen Verletzungen behandelt werden. In der Kriegsmedizin geht es in erster Linie darum, die Blutung zu stoppen, egal ob andere Organe betroffen sind. Dafür hat der Arzt höchstens eine Dreiviertelstunde Zeit, sonst stirbt der Patient", beschreibt Braun. Erst danach kann die Person ins künstliche Koma versetzt oder operiert werden. "Wenn sie nicht unmittelbar töten, verursachen Kriegswaffen Verletzungen, bei denen das Opfer sofort extrem viel Blut verliert. Die Blutungen sind nicht vergleichbar mit Messerstichen oder ähnlichen durch Waffen zugefügten Verletzungen, die üblicherweise im Krankenhaus behandelt werden."

Die Bezeichnung Damage Control selbst ist ein Militärbegriff. "Es wird in der US-Marine verwendet, wenn ein Boot getroffen wird. Die Besatzung versucht als allererstes die Bruchstellen zu stopfen, um den nächsten Hafen zu erreichen. Andere Schäden werden erst dort beseitigt", so der Arzt.

Geschult wurden Braun und seine Kollegen - Narkoseärzte, Chirurgen, leitende Krankenschwestern und Pfleger - von Militärärzten.

Langfristig sollen auch alle Mitarbeiter von Rettungsdiensten in Kriegsmedizin geschult werden, so der Plan der französischen Regierung. Ein weiterer Schritt wären gemeinsame Übungen mit der Polizei und dem Militär, bei denen die Retter lernen, unter Deckung der Streitkräfte die Verwundeten aus der Ziellinie zu entfernen, während noch geschossen wird.

Ein Schlachtfeld ist von Metz aus glücklicherweise nicht in Sicht. Verletzungen durch Kriegswaffen habe Braun bereits im hiesigen Krankenhaus behandelt, sie kämen aber höchst selten vor. Doch die Vermittlung des Wissens aus dem Bereich Kriegsmedizin hält er für sehr sinnvoll. Je mehr Leute mit den richtigen Reflexen reagieren, je mehr Leben könnte man im Ernstfall retten. "Ich wünsche mir natürlich, dass er nie eintritt. Sollte es doch soweit kommen, sind wir bereit."