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Susanna Fritscher zeigt im Metzer Centre Pompidou, wie Leere und Zerbrechlichkeit aussehen.

Weiße Magie im Centre Pompidou : Wo Luft zu Form und Farbe wird

Die Künstlerin Susanna Fritscher zeigt mit ihrer Installation „Flirren“ im Metzer Centre Pompidou, wie Leere und Zerbrechlichkeit aussehen können.

An Smogtagen, wenn man als Fußgänger zur Hauptverkehrszeit an einer Ampel wartet, ist man dankbar, die Luft und ihre aufgenommenen Bestandteile nicht sehen zu können – Luft sieht im nüchtern-substanzfreien Zustand immer transparent und leer aus. So ist man dem, was an Abgasen, Feinstaub und sonstigen Partikeln umherschwirrt, nur durch die Riechsinneszellen ausgesetzt.

Den genau umgekehrten Effekt erleben Besucher derzeit im Metzer Centre Pompidou. Dazu müssen sie in die dritte Galerie, jene, die den Blick durch zwei immense Fenster auf die lothringische Stadt freigibt, hinaufsteigen. Einmal über diese Schwelle getreten, ist hier die Luft plötzlich weißlich, sogar silbrig. Ziemlich dicht sieht sie aus, und mit hellen Glanzflecken reflektiert sie Licht, was sie regelrecht undurchdringlich und starr aussehen lässt. Tatsächlich scheint sie in unzähligen, filigranen Fäden von der Decke bis zum Boden zu hängen. Geht man in einem der schmalen Gänge zwischen diesen Fädenwänden entlang, fällt auf, was sich hinter dieser Luftmasse bewegt – drei andere, dunkel gekleidete Besucher stehen vor einem der Fenster und unterhalten sich, hinter ihnen flirren die Umrisse der Metzer Dächer und einiger Türme. Irgendetwas bewegt sich hier immer, starr ist diese Installation keineswegs.

„Ich versuche, die Realität dieser Umgebung zu zeigen. Die Unsicherheit, die uns umgibt, und unsere Brüche“, sagt Susanna Fritscher, welche die Luft-Installation extra für diesen Raum entwickelt und sie „Frémissements/Flirren“ genannt hat. „Meine Arbeit integriert sich völlig in Räume wie diese, um ihre Realität zu ergreifen“, umreißt die österreichische Künstlerin ihren Ansatz. Den hat sie auch schon 2014 ergründet, als sie in der Metzer Schau „Formes Simples“ mit ausstellte, oder 2019, als sie im Louvre in Abu Dhabi mit einer ihrer Installationen Aufmerksamkeit erregte. „Die Integration in die Architektur ist ein Prinzip, um die Fragilität zu zeigen“, erklärt Fritscher. „Den leeren Raum habe ich mit feinem Material gefüllt, das gibt der Luft einen Glanz und macht sie greifbar.“

Sei es in Abu Dhabi oder in Metz: In ihrer Arbeit spielt der jeweilige Ausstellungsraum eine besondere Rolle. In Metz ergab sich für Fritscher erstmals die Möglichkeit, ihre Arbeit flirren zulassen. Denn die Fäden hängen nicht starr herunter, an manchen Stellen wedeln sie gleichmäßig und kreisförmig über den Boden, was von Weitem einen leichten Fata-Morgana-Effekt provoziert. Fritschers Trick: Im Boden der dritten Galerie ist das Lüftungssystem so installiert, dass es sich in die Installation einbauen ließ. 20 kleine, an die Lüftung gekoppelte Ventilatoren treiben die Fäden an verschiedenen Stellen zu fliegenden Bewegungen an. „Das war das erste Mal, dass ich ein Lüftungssystem in meine Arbeit eingebaut habe, wodurch die Mobilität noch verstärkt wird.“

Dem Werk von Yves Klein, einem der Mitbegründer des französischen Nouveau Réalisme der 60er Jahre, und der Düsseldorfer Gruppe Zero, über die zeitgleich im Erdgeschoss des Kunsthauses eine Schau eröffnet wurde (Bericht folgt), fühlt sich Fritscher verbunden. „Die Rolle der Leere ist ihnen sehr wichtig gewesen, nach dem Krieg nahm man das Bild zurück, weil man sich davor fürchtete“, erzählt Fritscher, die seit den 80er Jahren in Paris lebt und im Gespräch über ihre Arbeit recht bald lieber ins Französische übergeht. „Ich bin nicht mehr direkt mit dieser Leere konfrontiert worden, aber dieser Bruch hat mich geprägt“, sagt die 1960 geborene Wienerin.

Fritschers Arbeit aus unzähligen Silikonfäden, der Luft des Kunsthauses und der Stadtkulisse rückt den Blick des Besuchers auf seine direkte Umgebung – und wirft die Möglichkeit auf, dass selbst so ein vermeintliches Nichts wie die Luft voller Inhalt sein kann. Das mag man erbauend oder verunsichernd finden, aber die weiße Magie der „Frémissements“ erdet und, hat man sich an das Verwirrspiel gewöhnt, animiert zum Innehalten. Was man so durchschreiten kann wie hier, darin kann man auch aufgehen. Damit ist die raumfüllende Installation ein wunderbarer Ausklang für einen Museumsbesuch, bevor sich die Tore des Alltags wieder öffnen. Allein die dröhnenden Klänge des parallel laufenden Tonbandes fügen sich nicht recht, und changieren zwischen störend und verzichtbar.

 Die österreichische Künstlerin Susanna Fritscher lebt seit den 80ern in Paris und stellte zuletzt im Louvre in Abu Dhabi aus.
Die österreichische Künstlerin Susanna Fritscher lebt seit den 80ern in Paris und stellte zuletzt im Louvre in Abu Dhabi aus. Foto: Sophia Schülke

Bis 14. September. Geöffnet mittwochs bis montags von 10 bis 18 Uhr, freitags bis sonntags bis 19 Uhr.
www.centrepompidou-metz.fr/de