1. Saarland
  2. Blick zum Nachbarn
  3. Blick nach Frankreich

Jean-Sébastien Steyer analysiert Comicfiguren wissenschaftlich

Chewbaca lebt : Warum Chewbacca auch gut mit Yetis kann

Der Paläontologe Jean-Sébastien Steyer lüftet mit Methoden der Evolutionswissenschaft einige gut bewahrte Geheimnisse der Popkultur.

Spock, Totoro oder Chewbacca – der französische Paläontologe Jean-Sébastien Steyer analysiert fantastische Kultfiguren rein wissenschaftlich, als wären es fossile Funde. In seinem Buch „Anatomie comparée des espèces imaginaires“ konnte er so etwa den japanischen Animeknuff Totoro, einen Baumgeist mit Kaninchenohren, als Säugetier-Vogelmix entlarven: Totoro kommt einem meerschweinchenartigen Schliefer nahe, muss aber aufgrund seiner Fliegerei hohle Knochen und Luftsäcke wie ein Vogel haben. Weil sein für heute geplanter Vortrag im Botanischen Garten in Nancy entfällt, stellt der Wissenschaftler des Pariser Naturkundemuseums im Interview vor, was er indes über den „Star Wars“-Helden Chewbacca herausgefunden hat.

Wie werden in der Paläontologie reale fossile Arten rekonstruiert?

JEAN-SÉBASTIEN STEYER Paläontologen, die an fossilen Wirbeltieren arbeiten, haben oft nur Skelettreste oder fragmentarische Zähne, aber diese Überreste sind, sogar nur in Teilen, sehr nützlich und sehr bedeutsam: Wenn ein Muskel während der Fortbewegung sehr beansprucht wird, ist besonders seine natürliche Bindung an das Skelett, der Knochenfortsatz wichtig. Die Form des Knochenfortsatzes liefert daher Informationen über die Silhouette des ausgestorbenen Tieres. Das Gleiche gilt für die Zähne: Ein Fleischfresser hat nicht das gleiche Gebiss wie ein Pflanzenfresser. All diese Informationen werden bei Rekonstruktionen berücksichtigt. Fehlende Bruchstücke werden durch die am nächsten verwandte bekannte Art vervollständigt.

Wie haben Sie die Anatomie von Chewbacca untersucht?

STEYER Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, Chewbacca als eine echte Spezies zu betrachten, die ich als Paläontologe analysieren oder „sezieren“ konnte. Es geht natürlich darum, Naturwissenschaften zu betreiben und dabei Spaß zu haben. Die anatomischen Merkmale von Chewbacca sind sehr interessant: Auf den ersten Blick könnten wir ihn als Primaten klassifizieren, da er einem großen humanoiden Affen ähnelt. Aber er hat auch einen Muffel, in der Biologie Rhynarium, Nasenspiegel, genannt, der typisch für ist andere Säugetiere mit ausgeprägtem Geruchssinn wie Hunde oder Katzen. Seine Position im Stammbaum der Säugetiere wäre daher grundlegender und althergebrachter.

Inwiefern könnte Chewbacca echte Vorfahren unter den Affen haben?

STEYER Chewbacca ist eine fiktive Art, die keine wirklichen Vorfahren hat. Aber wir können ihn zum Spaß im Verwandtschaftsbaum von Säugetieren klassifizieren, um zu zeigen, welche Methoden Paläontologen anwenden. Chewbacca ist ein humanoides, zweibeiniges Säugetier mit Greifarmen, wie die Menschenaffen. Außerdem sieht er aus wie ein Yeti (dessen Sichtungen wiederum in der Existenz des vom Aussterben bedrohten und evolutionär früh abgespaltenen Himalaya-Braunbären erklärt werden, Anm.d.Red.). Er ist auch schlau, weil er Co-Pilot des Millennium Falkens ist und die Armbrust trägt. Die tierische Intelligenz ist also nicht nur für Primaten charakteristisch.

Wären diese erfundenen Arten eigentlich lebensfähig?

STEYER Ja, weil die Erfinder imaginärer Arten bei ihrem Kreaturendesign auch Fragen zu Anatomie, Verhalten und Evolution stellen. Je realistischer ein Monster oder eine imaginäre Spezies in Kino, Serie oder Literatur ist, desto mehr tauchen wir in die Geschichte ein und desto mehr lieben wir sie.

Verändern diese Entdeckungen unsere Ansichten über diese Figuren oder ihre Geschichten?

STEYER Diese Analysen ändern weder die Geschichte noch das Szenario. Das ist auch nicht das Ziel. Ich möchte nur die Neugier der Leser und ihren kritischen Geist wecken, und zeigen, wie Wissenschaftler arbeiten. Junge Leute lieben es, weil ich über „Star Wars“, „Star Trek“, Totoro und so weiter spreche, über Universen, die sie bereits gut kennen. Ich versuche ihnen einen Vorgeschmack auf die Wissenschaft zu geben, damit sie morgen Forscher werden. Das ist heute wichtig.