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Nach dem Bergbau: In Lothringen sind die Gruben längst geflutet

Nach dem Bergbau : In Lothringen sind die Gruben längst geflutet

Vor mehr als zehn Jahren begannen die Franzosen, das Wasser in ihren Gruben langsam ansteigen zu lassen. Das blieb nicht ohne Folgen. Was lässt sich daraus für das Saarland ableiten?

Soll man die still gelegten Kohlegruben voll laufen lassen oder nicht? Seit Jahren wird im Saarland über diese Frage diskutiert. Nur wenige Kilometer weiter, direkt hinter der Grenze, ist die Entscheidung längst gefallen. Nachdem die Franzosen 2004 den Bergbau beendet hatten, ließen sie ab 2006 das Grubenwasser langsam ansteigen. Das lothringische Revier ist unterteilt in ein westliches und ein zentral-östliches Kohlebecken. Der westliche Teil, in dem etwa Creutzwald liegt, ist bereits komplett geflutet. Im östlichen Teil, der unter Tage über die Grenze bis in den Warndt reicht, steht das Wasser rund 100 Meter unterhalb der Erdoberfläche.

Das Ansteigen des Wassers blieb im westlichen Kohlebecken nicht ohne Folgen: In einigen Kommunen traten massive Vernässungen auf. Gärten verwandelten sich in Teiche, Keller standen unter Wasser, Schimmel kroch die Wände hoch. „Unsere gesamte Innenstadt gilt als rote Zone“, sagt Jean-Luc Wozniak, Bürgermeister der Gemeinde Creutzwald, die besonders betroffen ist. Tatsächlich stellte sich aber nur der natürliche Zustand wieder ein, wie er vor Beginn des Bergbaus vor anderthalb Jahrhunderten existiert hatte. Entlang der Bist zog sich schon immer ein Sumpfgebiet, das durch das Pumpen während des Bergbaus nur trocken gelegt wurde. Nun kehrt das Wasser zurück. Erschwerend kommt hinzu, dass die Industrie weniger Wasser verbraucht, der Grundwasserspiegel steigt.

In Creutzwald hat die französische Regierung vergangenes Jahr ein Pilotprojekt gestartet: Mit zwei Anlagen wird das Wasser dort gepumpt. Seitdem sind die Gärten und Keller wieder trocken. Laut der Präfektur in Metz ist es schwierig, vorherzusagen, wie hoch und wie schnell das Grundwasser noch steigen wird. Derzeit ist eine Studie in Arbeit, die die Risikozonen genauer definieren soll. „Die Zukunft wird zeigen, wie es mit unserer Kommune weitergeht“, sagt Wozniak. „Es hängt alles von den Maßnahmen ab, die der Staat ergreifen wird.“ Vertreter des Staates und der Kommunen überlegen derzeit, wie sie dem Problem vorbeugen können. Denn im französischen Umweltgesetzbuch sind keine besonderen Maßnahmen für den Fall eines Grundwasseranstiegs vorgesehen. Vielmehr wird den betroffenen Gemeindeverbänden empfohlen, eine neue Abgabe einzuführen. Damit sollen im Rahmen eines sogenannten Plans für das Hochwasserrisikomanagement (PPRI) Maßnahmen finanziert werden, um Überschwemmungen vorzubeugen. Die Bewohner der betroffenen Gebiete sehen sich dadurch doppelt benachteiligt. Sie fürchten, dass man sie mit einer neuen Abgabe zur Kasse bittet, und das obwohl sie bereits mit hohen Schäden aus der Zeit des aktiven Bergbaus konfrontiert sind.

Im östlichen Kohlebecken sind bisher keine größeren Probleme aufgetreten. „Es gab leichte Hebungen von zehn bis 20 Zentimetern“, sagt Jörg Dreistadt (SPD), Bürgermeister der Warndt-Gemeinde Großrosseln. Diese seien aber flächig aufgetreten, so dass keine Abrisskante entstand. Ganz anders sah das während des aktiven Bergbaus aus: Der Ortsteil Naßweiler sank um bis zu 16 Meter ab, die Schäden beliefen sich laut Dreistadt auf vier bis fünf Millionen Euro. Die Verwaltung einigte sich mit dem französischen staatlichen Bergbaukonzern auf einen Vergleich: 1,5 Millionen Euro. Ganz freiwillig war das nicht: Die damalige Landesregierung habe sie gebeten, keine Klage anzustrengen, sagt Dreistadt. „Im Gegenzug wurde uns zugesagt, dass man uns bei der Regulierung der Schäden unterstützen würde. Das ist bis heute nicht geschehen.“

Die lothringische Gemeinde Rosbruck, die direkt auf der anderen Seite der Grenze liegt, hatte keine Skrupel, gegen den Staatskonzern zu klagen und verlangte acht Millionen Euro. Im vergangenen Jahr verurteilte ein Saargemünder Gericht den Konzern dazu, 5,9 Millionen zu zahlen. Drei Millionen waren sofort fällig, unabhängig davon, ob eine der Parteien in Berufung gehen würde. So kam es auch: Auf die restliche Summe wird Rosbruck noch warten müssen, denn das Verfahren liegt erstmal bei der nächsten Instanz.

Wenn das Wasser im östlichen Kohlebecken in 10 bis 15 Jahren die Oberfläche erreicht, wird es auch hier stellenweise zu Vernässungen kommen, auch in einigen Regionen im Warndt. Dass Großrosseln-Naßweiler betroffen sein wird, gilt als sicher. „Dort wird es an rund 15 Häusern Probleme geben“, sagt Hilmar Naumann, im saarländischen Umweltministerium zuständig für Wasser und Abwasser. „Man wird kleine Pumpen installieren und das Wasser lokal absenken.“

Die große Angst, dass sich das Grubenwasser mit dem Grundwasser vermischen könnte, hat sich in Frankreich bislang nicht bewahrheitet. Und das obwohl der Grenzletten an einigen Stellen durch den Bergbau verletzt wurde – eine lehmige Schicht, die den Buntsandstein, in dem das Grundwasser gespeichert ist, vom Karbon, der das Grubenwasser enthält, trennt. Laut Naumann vermischt sich das Grundwasser nicht mit dem Grubenwasser, da dieses salzhaltiger und damit schwerer ist. Dadurch bleibt es wie eine Schicht unterhalb der sauberen Flüssigkeit. Probleme mit dem Umweltgift PCB haben die Franzosen nicht, da es laut Naumann im französischen Bergbau nie eingesetzt wurde. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat das saarländische Umweltministerium an fünf Stellen im Warndt bis zu 280 Meter tief gebohrt und Messstellen installiert. Sobald man feststellt, dass das Grubenwasser doch nach oben drückt, müsste wieder stärker gepumpt werden. Das Trinkwasser wäre dann nicht verunreinigt, weil die Brunnen laut Naumann nur etwa 120 Meter tief reichen.

Ist ähnliches auch im Saarland zu erwarten, falls hier die Pumpen eines Tages abgestellt werden sollten? Ein Vergleich lässt sich nur schwer ziehen, da sich die geologischen Bedingungen von jenen in Lothringen unterscheiden. Im Zuge der ersten Phase, die der Bergbaukonzern RAG beantragt hat und für die ein Anstieg des Wassers auf -320 Meter unter Normalnull geplant ist, wird es laut Naumann keine Vernässungen geben, da das Wasser zu weit von der Oberfläche entfernt ist. Aber auch für den Fall, dass das Wasser irgendwann bis ganz nach oben steigt – vorausgesetzt die zweite Stufe würde genehmigt – hält Naumann es für unwahrscheinlich, dass es zu Vernässungen kommt, da das Saarland, anders als die Grenzregion, die flach und damit tendenziell sumpfig ist, hügeliger ist.

Im Saarland hat sich zudem vor Millionen Jahren ein Kohlesattel angehoben, die Karbonschicht reicht teilweise bis an die Oberfläche und ist nicht wie in Lothringen von einer rund 200 Meter dicken Buntsandsteinschicht bedeckt. „Entlang des Sattels gibt es scharfe Bruchzonen“, sagt Naumann. Das macht die Sache komplizierter, da man nicht genau weiß, wo die Brüche verlaufen. Bei einem Grubenwasseranstieg müsste man sichergehen, dass durch die Brüche kein Wasser aus dem Karbon in den angrenzenden Buntsandstein eindringt, wo das Grundwasser gespeichert ist. „Die Kenntnisse der Geologie, vor allem im Hinblick auf die Brüche, sind derzeit noch zu gering“, sagt Naumann. Bevor die zweite Stufe auch nur in Erwägung gezogen würde, müssten also mit Bohrungen die geologischen Bedingungen genauer erkundet werden.