Im Schatten der Atomkraftwerke

Aufgrund zahlreicher Pannen sind auch die belgischen Atomkraftwerke in die Schlagzeilen geraten. Das Saarland liegt nur 140 Kilometer weit entfernt und könnte somit von einem Super-Gau betroffen sein. Einen besonderen Notfallplan für diesen Fall gibt es nicht.

Cattenom - was vor 40 Jahren nicht mehr als eine kleine Gemeinde im Dreiländereck war, ist derweil viel mehr geworden: Standort des drittgrößten Atomkraftwerks (AKW) in Frankreich, zugleich das dem Saarland nächstgelegene AKW und ein Synonym für die Bedrohung durch einen nuklearen Super-Gau, der unmittelbare Folgen für das Saarland hätte.

Weiter entfernt, durch zahlreiche Pannen in den letzten Wochen aber dennoch in den Blickpunkt gerückt, sind die belgischen Meiler in Doel und Tihange. So wurden beide Reaktoren in den letzten Jahren mehrfach abgeschaltet. Sicherheitstechniker stellten 2012 in Tihange 2000 Risse von bis zu neun Zentimetern Tiefe im Druckbehälter fest, der als Schutzhülle im Fall von Explosionen gedacht ist. Wegen des fehlenden Hochwasserschutzes schnitt das Kraftwerk im EU-Stresstest besonders schlecht ab, im Verlauf der Terror-Anschläge von Brüssel am 22. März musste es aus Sicherheitsgründen teilweise evakuiert werden. Doel liegt nahe der Stadt Antwerpen, Tihange nahe Lüttich - nur 155 Kilometer Luftlinie von Merzig entfernt. Betreiber der beiden belgischen AKW ist die Gesellschaft Electrabel, die wie der Saarbrücker Stromvermarkter Energie Saar-Lor-Lux mehrheitlich zum französischen Mutterkonzern Engie gehört.

Welche Gefahr von beiden Meilern im Falle eines Super-Gaus ausgehen würde, ist von der Wetterlage abhängig, der Windrichtung und möglichen Niederschlägen. Je schneller und höher die radioaktive Strahlung in die Atmosphäre vordringt, umso größer wird der Verbreitungsradius. Bei starkem Wind "kann auch in 200 Kilometern Entfernung noch die Verteilung von Jodtabletten zur Vorsorge notwendig sein", sagt Monika Hotopp, Sprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz. Das Saarland wäre bei Nordwestwind betroffen.

Ein konkreter Notfallplan für einen Unfall in den belgischen Meilern liegt im Saarland, anders als für den Meiler in Cattenom , nicht vor, wie das Innenministerium mitteilt. Diese liegen weiter als 100 Kilometer entfernt und somit außerhalb der von der Strahlenschutzkommission empfohlenen Planungsgebiete für den Notfallschutz. Für das Saarland gilt bei einem Unfall die routinemäßige Versorgung von Schwangeren, Kindern und Jugendlichen mit Jodtabletten, sofern die Messwerte dazu Anlass geben.

Für Hubert Ulrich , Landeschef der Grünen, sind Notfallpläne kein gültiger Lösungsansatz zum Schutz vor Atom-Unfällen - er fordert, die Meiler endgültig vom Netz zu nehmen. Die Landesregierung nimmt er zwar aus der Schusslinie, da die Energiesicherheit in Europa von den Staatsregierungen bestimmt wird. In der Verantwortung sieht er jedoch Heiko Maas (SPD ) und Peter Altmaier (CDU ), die als Saarländer am Berliner Kabinettstisch Einfluss nehmen sollten. Ulrich erkennt derzeit keine Bereitschaft der Bundesregierung, Belgien oder Frankreich zu einem früheren Atomausstieg zu drängen, wenngleich Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD ) mit belgischen und französischen Vertretern Gespräche über eine Zusammenarbeit in Fragen der Reaktorsicherheit führte.

Darüber hinaus fordert Ulrich europäische statt nationale Sicherheitsordnungen. Einheitliche Standards könnten für die AKW in Belgien, aber auch im elsässischen Fessenheim und in Cattenom das Aus bedeuten. Engpässe in der Energieversorgung seien nicht erwartbar: Aufgrund der Pannen verlieren Atomkraftwerke ohnehin an Bedeutung. Nach Zahlen der Internationalen Atomenergiebehörde sank die Atomstrom-Produktion 2015 auf den niedrigsten Stand seit 1994.