Gelbwesten : „Die Deutschen sollen sich uns anschließen“

Auch in Lothringen gehen die Menschen seit Wochen auf die Straße, um gegen die Politik von Staatspräsident Macron zu demonstrieren.

Auch an diesem Samstag hatten die Gelbwesten in Lothringen wieder zum Demonstrieren aufgerufen. Rund 300 Menschen kommen am Bahnhof in Sarreguemines zusammen, um durch die Innenstadt zu ziehen. Auch in Forbach hatte man mobilisiert, dort soll die zentrale Demo des Ostteils des Départements Moselle stattfinden. Schon zwei Tage vorher haben Forbacher die ersten Wagen der Sondereinsatzkräfte ankommen sehen. Mit 1000 Demonstranten wird gerechnet, das macht etwas nervös. Es werden dann aber doch nur 500 bis 600 sein.

„Wir haben erst heute morgen gehört, dass viele nach Longwy fahren, dort gibt es auch eine Demo“, sagt Nicolas Ehrminger, der persönlich zur Redaktion der Saarbrücker Zeitung gekommen war, um auch die deutschen Medien über Aktivitäten der Bewegung in der Nachbarschaft zu informieren. Ehringer, ein junger Metzger, der mit zwei Bekannten und einem Schild am Bahnhof in Sarreguemines auf den Start wartet, wirkt aber geradezu erleichtert, dass einige Longwy, die einstige Stahlstadt an der belgischen Grenze, vorziehen. „Dort wird es abgehen“, prophezeit er. In Sarreguemines seien die Gelbwesten-Demos bisher immer friedlich verlaufen, und das werde auch heute der Fall sein.

Als sich der Zug mit einem Wagen, aus dem laut Musik erklingt, in Richtung Saarufer in Gang setzt, sind kaum Polizisten zu sehen. „Gegen Polizeigewalt“ ist heute das Motto der Demos. Denn in ganz Frankreich hat es durch Einsatz von Gummigeschossen und Granaten bei Gelbwesten schon viele Verletzte gegeben, einige verloren dabei ein Auge, andere ihre Hände. „Darüber wurde in den Medien lange gar nicht berichtet“, sagt ein anderer Demonstrant. Frankreichs Polizei gehört laut Experten zu der am stärksten bewaffneten in Europa. „Castaner démission“ („Castaner Rücktritt“) hat Ehrmingers Bekannte, eine junge Frau, auf ihr Schild geschrieben. Doch die Demonstranten, darunter auch Familien mit kleinen Kindern, rufen nicht den Namen des Innenministers Christophe Castaner, sondern „Macron démission“. Die Gründe dafür sind die bekannten, die man auch an den Samstagen davor schon hören konnten: die hohen Steuern. Sie arbeite als alleinerziehende Mutter den ganzen Tag, sehe ihr Kind kaum und könne ihm doch nichts bieten, sagt eine Mittdreißigerin, die nach der Scheidung wieder zu ihren Eltern in Stiring gezogen ist.

„Die Deutschen sollten sich uns anschließen“ sagt Alain, ein Tischler. Es gehe doch nicht an, dass Deutsche und Franzosen so extrem besteuert würden, und die Unternehmen nach Osteuropa abwanderten. Als die Demo vor der Unterpräfektur endet, wo einige Nebel-Bomben zünden und sich in Heldenpose auf die Mauer vor die Vertretung des Staates stellen, bricht Alain, wie so viele, auf nach Forbach. „Wir müssen doch Masse zeigen, da ist es für mich selbstverständlich, mitzugehen“, sagt er.

Am Forbacher Kreisel, wo die Gelbwesten sogar einen Stand aufgebaut haben und Kaffee ausschenken, steht auch ein Saarbrücker mit der Aufschrift „Aufstehen“ auf seiner Gelbweste. François, ein kleiner älterer Mann, habe ihn eingeladen. François von den Forbacher „Insoumises“, der linken Bewegung um den Politiker Jean-Luc Melenchon, trägt bewusst keine Gelbweste. „Die wollen ja, dass die Parteien sich nicht einmischen“, erklärt er. Die Gelbwesten wollten nicht politisch sein, aber sie werden es werden müssen, meint er, sonst käme nichts voran. Den Präsidenten werde man nicht so schnell wegbekommen. Aber es müsse Parlaments-Neuwahlen geben und eine Änderung der Verfassung, damit nicht mehr ein Präsident alleine die Politik bestimmen könne.

Auch in Forbach halten sich die CRS, die Sondereinsatzkräfte fast unsichtbar im Hintergrund. Hinter ihrem mit Parolen beschrifteten Wagen marschieren die Demonstranten durch die Innenstadt. „Hier in der Menge findet man alle Strömungen, von extrem links bis extrem rechts“, meint ein Forbacher. Vor dem Kommissariat könnte es brenzlig werden, doch es gibt nur einen Nebelknaller, einige hundert Meter weiter, am Rathaus stürmt man das gepflegte Grün und posiert wieder für Handykameras. Es sind dann schon weniger Leute, die zurück zum Ausgangskreisel mitgehen. Da setzt man noch mal mit angezündeten Autoreifen ein qualmendes Zeichen. Nächste Woche geht es nach Straßburg, vor das EU-Parlament.

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