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Forbacher Theater Le Carreau kommt mit "La vie devant soi" erquickend aus der Corona-Pause zurück

Theaterabend in Forbach : Carreau reißt mit süß-salzigen Gefühlen mit

Stehende Ovationen für einen erquickend humorvoll-melanchonischen Abend: Das Forbacher Theater Le Carreau hat sich mit „La vie devant soi“ aus der Corona-Pause zurückgemeldet.

Es ist schon beinahe ein teuflisch makaberer Streich, bei einer alternden, kranken Jüdin, die Auschwitz überlebt hat, systematisch in den frühen Morgenstunden an der Tür zu klingeln. Und sich ins Fäustchen zu lachen, wenn diese aus dem Schlaf hochschreckt und in ein Kellerversteck flüchtet. Momo (Tigran Mekhitarian), eigentlich Mohammed, zehn Jahre alt, ist so einer. Den Streich spielt er ausgerechnet seiner Pflegemutter Madame Rosa, einer ehemaligen Prostituierten, die ihn, wie andere Kinder auch, bei sich aufgenommen hat. Sowieso ist ihre innig-humorvolle Wahlverwandtschaft jenseits der Konventionen. Aber Madame Rosa wird sich rächen, nicht an ihrem über alles geliebten Momo, sondern an dessen plötzlich wieder auftauchenden Vater, dessen Liebe sie in einem jüdisch-muslimischen Schlagabtausch unbarmherzig überlegen und brutal komisch auf die Probe stellt. Nein, politisch korrekt ist „La vie devant soi“, das Stück mit dem das Forbacher Theater Le Carreau nach einer fast siebenmonatigen Pause wieder den normalen Betrieb aufnimmt, nicht. Glücklicherweise.

Die fulminant-blasphemische Vorlage über ein zweisames Durchboxen bis zum Vergehen der betagten Dame im religiös stark durchmischten Pariser Einwandererviertel Belleville stammt von Romain Gary, der für seinen Roman 1975 den Prix Goncourt gewonnen hat. Auf die Bühne bringt das Stück das Rodéo Théâtre, das mit drei Schauspielern, einer Musikerin und drei Puppen schon Mitte März in Forbach hätte auftreten sollte.

Der Aufbau, Madame Rosas winziges Zimmer, inklusive Sessel, Keksdose und Blümchentapete, mit einer langen Treppe davor reicht völlig, um die Bühne lebendig auszufüllen. Damit die übergewichtige Madame Rose überzeugend wirkt, hat Regisseur und Puppenspieler Simon Delattre die Schauspielerin in ein Fett Kostüm gesteckt. Wo Maïa le Fourn darin aufgeht wie in einer zweiten Haut, sich schwergewichtig die Treppen hochwuchtet oder angefixt herumwirbelt wie ein Flummiball, dass es eine Freude ist, hat es der Zuschauer mit der Figur des Dr. Katz, der Madame Rosa versorgt, hingegen nicht leicht. Der kleine Kopf der Puppe mit ihrem langen Hals ist auf dem Kopf eines Schauspielers gesetzt, der diese durch seinen Arm steuert, er selbst bleibt unter seinem Mantel unsichtbar. Die Bewegungen des Puppenkopfes sind weder natürlich noch wirklich komisch, sondern bleiben abstrakt, sodass sich bei dieser Figur kein rechter Zauber einstellen will. Ganz anders Monsieur Hamil, immer sitzende Puppe, der seiner Jugendliebe nachsinnt und viel glaubwürdiger wirkt. Für musikalischen Zauber sorgt dafür Nabila Mekkid vom französischen Trip-Hop-Duo Nina Blue. Mit ihrer rauchigen und manchmal schütteren Stimme begleitet sie ihren langsam gespielten Gitarren-Akkorde. Mit ihrer Rauheit untermalt sie Rosas Schicksal stimmig und einfühlsam.

Es ist ein humorvoller, beschwingt-melancholischer Abend um den Verlust des Lebens und der Erinnerung, aber ein berührender Lobgesang auf die wahre und die fürsorgliche Liebe. Dazu braucht es keiner sentimentaler Worte oder dramatischer Gesten, es reicht, mit jener herzerfrischenden Leichtigkeit, die man jenseits des Rhein so gut beherrscht, auf der Klaviatur des Alltags zu spielen und so die großsen süß-salzigen Gefühle auf die Bühne zu bringen.

Als sich die Vier vorm Publikum verbeugen, gibt ihnen ein Teil des beinahe vollen Saals stehende Ovation. „Bravo“, „magnifique“ ruft es. Ein erquickendes und berührendes Erlebnis, eine Rückkehr in die Normalität, ein Abend, der Forbach und seinen Theatergästen aus den umliegenden Städten gutgetan hat.