Vortrag zum Zusammenleben Leben in Saar-Lor-Lux: „Heimat kann man nur verstehen und nicht übersetzen“

Bildstock · Welche Gestalt hat Heimat im Saarland und in Lothringen? Im Rechtsschutzsaal in Bildstock tauschten sich Experten über die einzigartige Geschichte unserer Grenzregion aus. Dabei spielte auch die Mundart eine besondere Rolle.

 Schauspielerin Birgit Giokas (von links), Theatermacher Alphonse Walter und Kunsthistorikerin Eva Mendgen diskutieren über die wechselseitige deutsch-französische Geschichte der Großregion.

Schauspielerin Birgit Giokas (von links), Theatermacher Alphonse Walter und Kunsthistorikerin Eva Mendgen diskutieren über die wechselseitige deutsch-französische Geschichte der Großregion.

Foto: Paul Langer

Wechselseitige nationale Zugehörigkeiten prägen die Geschichte des Saarlandes und der ehemaligen französischen Region Lothringen und verbinden die Menschen in der Grenzregion. Deren Heimat nur auf Deutschland oder Frankreich zu beschränken, ist somit fragwürdig. Daher begaben sich vor kurzem die Schauspielerin Birgit Giokas, die Kunsthistorikerin Eva Mendgen und der lothringische Theatermacher Alphonse Walter in der Stiftung Rechtsschutzsaal in Bildstock auf die Suche nach der Heimat des Saarlandes und Lothringens.

Die zweite Veranstaltung der Kulturtage im Rechtsschutzsaal, welche gemeinsam mit der Arbeitskammer des Saarlandes im Élysée-Jahr 2023 unter deutsch-französischer Flagge ausgerichtet werden, zog etwa 15 Zuhörer an. Nachdem die Kulturtage Anfang November mit einem Chansonabend begonnen hatten, stand nun eine Zeitreise auf Platt, Deutsch und Französisch durch Literatur und Geschichte an.

Die französisch-republikanische Gesinnung in Heinrich Heines „Reisebildern“, der über das Saarstatut aufgebrachte Vater Ludwig Harigs in „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“ oder Robert Schumans grenzüberschreitende Vergangenheit in „Pour l’Europe“ untermalten den Vortrag.

Probleme bei der Suche nach der Heimat bereitet zunächst die Übersetzung, da es kein französisches Äquivalent für das deutsche Wort „Heimat“ gibt und Nationalität mit „patrie“ übersetzt wird. „Also bleiben wir beim deutschen Wort, denn Heimat kann man nur verstehen und nicht übersetzen“, sagte Walter.

Wiederanschluss und Trennung zwischen Preußen, Frankreich, dem NS-Reich und der BRD hinterließen ihre Spuren, wie es die Wiedereingliederung Elsass-Lothringens ins französische Staatsgebiet 1918 zeigt. Seit 1871 waren die Saar und Elsass-Lothringen unter preußischer Hoheit und die Mehrzahl der Einwohner deutsch geboren und aufgewachsen. „Die brutale Einführung der französischen Sprache an der Schule und die Brandmarkung alles Deutschem, führten zu einer autonomistischen Bewegung in der Region, die viele Jahre später mit der NSDAP paktierte“, sagte Walter.

Einen anderen Weg habe der Vater Europas Robert Schuman aus seiner deutsch-französischen Familiengeschichte heraus eingeschlagen und die deutsch-französische Erbfeindschaft in Freundschaft umgemünzt. „Der ehemalige Reichsland-Lothringer wurde 1886 in Luxemburg geboren und war zuerst Deutscher, später Franzose“, sagte Walter. „Aus unserer Familiengeschichte heraus haben wir alle in der Grenzregion eine deutsch-französische Heimat und Verbundenheit.“

„Die deutsch-französische Kooperation würde aber besser laufen, wenn man uns die Mundart nicht vertrieben hätte“, antwortete Walter auf die Nachfrage, inwiefern sich denn die rapide sinkenden Deutschlernerzahlen in Frankreich auf die Verbundenheit in der Grenzregion auswirken würden. Durch die Freiheiten der Europäischen Union und Familiengeschichten lasse sich jedoch an der größtenteils gemeinsamen Heimat nicht rütteln – und jeder müsse sich selbst für deren Erhalt einsetzen, appellierten die drei Referenten abschließend an das Publikum.

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