Ein Abend für die stillen Heldinnen

Heiraten, Mutter werden, den Haushalt führen: Dieser Weg war Generationen von Frauen im Lothringer Industrierevier vorgezeichnet. Bis heute ist weithin unbekannt, dass zehntausende Frauen Knochenarbeit in Betrieben leisteten. Dass sie gegen Pläne ihrer Eltern aufbegehrten und sich trotz aller Widerstände beachtliche Erfolge erkämpften.

"Ich habe es so gehasst, das Nähen und Schneidern", sagt die Frau. Als Jugendliche wollten die Eltern sie in die Hausfrauenschule schicken, während ihr Bruder Abitur machen durfte. Ganz normal war das damals, wenn man Tochter sizilianischer Einwanderer und Grubenarbeiter in Lothringen war.

Warum Mädchen etwas lernen lassen, wenn sie doch bloß Hausfrau und Mutter werden sollten? Doch die Frau, die heute 60 ist, hat sich erfolgreich gewehrt. Irgendwann haute sie von zu Hause ab, machte mehrere Studienabschlüsse, heiratete erst nach der Geburt ihres Kindes und setzte mit über 50 noch ein Masterstudium drauf. Ihre Lebensgeschichte hat die Frau der Theater-Autorin und -regisseurin Carole Thibaut erzählt.

Und nun sitzt sie mitten zwischen dem Publikum in der Werkstatt der Forbacher Emmaus-Gemeinschaft und hört ganz gespannt zu, wie Thibaut sie da vorne am Mikrophon wiedergibt. Wort für Wort, genauso wie sie selbst es erzählt hat, als eine der "Filles de l'industrie", zu Deutsch: Töchter der Industrie.

So nennt sich das Projekt, das Thibaut im Auftrag der Forbacher Nationalbühne Le Carreau realisiert hat. Wochenlang war Thibaut als Residenzkünstlerin des Carreau in und um Forbach unterwegs, um die "andere Seite der Geschichte" zu erkunden, die Geschichte der Frauen im Lothringer Kohlebecken. Denn die ist in der von Männern dominierten Welt der Montanindustrie immer noch wenig beachtet und überliefert, weiß die Künstlerin, die selbst aus dieser Welt stammt. Ihr Vater war Ingenieur und Betriebsdirektor der Hütte von Longwy. Vom strengen Vater, den die Tochter nie zufriedenstellen konnte, von ihrer Faszination für das monströse Hüttenwerk, dessen Niedergang der Vater mitplante, von den Protesten der Menschen, auch davon erzählt Thibaut an diesem Abend. In ihrer mit Projektionen und alten Radioaufnahmen unterlegten Lesung "Longwy Texas".

Ihr Hauptaugenmerk galt in Forbach aber den Frauen aus einfachen Verhältnissen mit Mitgrationshintergrund. So wie sie selbst der Italienerin, leiht eine zweite Schauspielerin einer algerischen Einwandertochter ihre Stimme.

Auch sie riss aus, weil die Eltern sie misshandelten - und heiratete einen Mann, der sie schlug. Auf drei Video-Schirmen im riesigen Emmaus-Möbellager wiederum konnte man in die Fotoalben und Lebenserinnerungen von zwei Manouche-Frauen eintauchen. Auch für sie war der Zugang zur Bildung schwierig in einem Leben auf Reisen, mit Müttern, die als Hausiererinnen Geld verdienten, Musiker-Vätern und einem Opa, der das KZ überlebt hatte.

Per Film nehmen die beiden, "Patsi und Papi", die Zuschauer sogar in ihre Holzhäuser im Forbacher Viertel Bruch mit. Nur wenige Kilometer von der saarländischen Grenze entfernt ist das für die meisten doch eine unbekannte Welt.

Heute noch einmal: Les filles de l'industrie, 19.30 Uhr, im Maison des associations in Behren-lès-Forbach.