Die Angst über Tage

Im Entschädigungsprozess ehemaliger Lothringer Bergleute gegen den Steinkohle-Konzern Charbonnages de France liegen die Wahrnehmungen weit auseinander. Eine „hohe Sterberate“ sehen die einen, positive Zahlen dagegen die anderen.

"Schauen Sie sich das an", ruft der ehemalige Bergmann den Forbacher Arbeitsrichtern entgegen und wedelt mit der Röntgenaufnahme seiner Lunge und Arzt-Papieren. Er hat spontan das Wort ergriffen. Es ist einer dieser unerwarteten Situationen, die zeigen, wie groß die Wut der Lothringer Bergleute sei kann. Dem 53-Jährigen wurden mehrere Krankheiten bescheinigt. "Asbest-Lunge" und "Feinstaub-Lunge" hat der Arzt diagnostiziert - typische Bergmannskrankheiten. Der Mann möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, wie er sagt, aus Scham über seine Erkrankungen. Er ist überzeugt, dass sein vormaliger Arbeitgeber die Schuld für sein Leiden trägt.

Bis zu 860 ehemalige Bergleute aus dem lothringischen Kohlebecken werden derzeit nach und nach in einem Prozess vor dem Forbacher Arbeitsgericht angehört (die SZ berichtete). Sie alle fürchten gesundheitliche Spätfolgen des 2004 eingestellten Kohlebergbaus, für die sie ihren ehemaligen Arbeitgeber verantwortlich machen. Jeder von ihnen fordert 30 000 Euro Entschädigung. Bei der fünften Anhörung am vergangenen Dienstagnachmittag zeigte sich einmal mehr, wie zynisch den Ex-Bergleuten die Worte der Verteidigung des Bergbau-Unternehmens erscheinen. Jahrelang haben die Kläger in Gruben der Region gearbeitet, etwa in Forbach , Creutzwald und Merlebach. Ihr ehemaliger Arbeitgeber , die Firma Houillères du Bassin de Lorraine (HBL), wurde im Jahr 2000 von der staatlichen Firma Charbonnages de France (CDF) übernommen. Seit deren Insolvenz im Jahr 2008 wird die CDF von einer Pariser Anwaltskanzlei vertreten.

Zynisch findet es der Mann mit den Röntgenaufnahmen, dass er und seine Kollegen von den Verteidigern in Tabellen aufgeführt werden. Minutiös haben diese aufgelistet, bei welchem der Bergleute Berufskrankheiten diagnostiziert wurden und bei welchen nicht. Die nackten Zahlen scheinen jedoch gegen die Pariser Verteidiger zu sprechen. Von den 54 Bergleuten der fünften Anhörung ließ sich zwar nicht einmal die Hälfte untersuchen, dennoch wurden bei sieben von ihnen Berufskrankheiten diagnostiziert, darunter lebensgefährliche Lungen- und Krebserkrankungen. Die Kläger schätzen die tatsächliche Zahl "um ein Vielfaches höher". "Muss man Arbeiter entschädigen, die nicht krank sind?", lautet dennoch eine wohl rhetorisch gemeinte Frage der Verteidigung, die Lachen und vereinzelte Pfiffe unter den Bergleuten hervorruft. Tatsächlich geht es bei dem Prozess "nur" um drohende gesundheitliche Risiken.

An der Klage durften sich nur Bergleute beteiligen, die zumindest zu Prozessbeginn im Jahre 2013 keine Gesundheitsschäden durch ihre Arbeit nachweisen konnten. Im französischen Recht nennt man diesen Klagegrund "Anxiété", das wörtlich übersetzt "Angst" bedeutet. Im französischen Zivilrecht kann man aus dieser Furcht vor einer drohenden Erkrankung Schadensersatzansprüche einklagen. Wie unterschiedlich die beiden Streitparteien diese Angst definieren, zeigte sich in der Verhandlung am Dienstag. "Angst bedeutet doch nicht, einen Kollegen sterben zu sehen", so die Verteidigung, die im Vergleich zur französischen Arbeiterbevölkerung "positive Kurven" bei den Sterbezahlen der ehemaligen Lothringer Kohlearbeiter sieht.

Von einer "berechtigten Angst" spricht dagegen der Klägeranwalt, aus seiner Sicht ist die Sterberate der Bergleute im Gegenteil "sehr hoch". Er kritisiert seinerseits "Verletzungen des Arbeitgebers", führt am Arbeitsplatz unkontrolliert ausgelaufene Öle und Vernachlässigung bei der Verteilung und Kontrolle von Masken an. Die Pariser Verteidigung spricht dagegen von einem "ständig verbesserten" Sicherheitskonzept und "verjährten Forderungen".

Welcher Sicht das Gericht am Ende folgen wird, ist offen. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Mit einer Entscheidung wird derzeit nicht vor Januar kommenden Jahres gerechnet.