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Centre Pompidou in Metz feiert seinen zehnten Geburtstag

10. Jahrestag in Metz : Ein Kunsthaus in den Wogen der Erwartungen

Vor zehn Jahren öffnete das Centre Pompidou in Metz unter Beifall. Ein Blick auf das Modellprojekt.

Den zehnten Jahrestag hätte man gerne anders gefeiert. Als das Centre Pompidou in Metz am 12. Mai 2010 seine Türen für die Besucher öffnete, war die Warteschlange so lang, dass sie bis auf die Bahnsteige des nahen Bahnhofs reichte. In den sechs Tagen nach der Eröffnung schauen sich – bei freiem Eintritt – 46 000 Besucher das Museum an. 800 000 kommen im ersten Jahr, damals ein Rekord.

Zu seinem zehnten Jahrestag blieb das Zentrum für moderne und zeitgenössische Kunst aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Das umfangreiche Geburtstagsprogramm ist nicht abgesagt, aber verschoben, in der symbolischen Woche fand zunächst nur ein kleines Konzert des französischen Musikers Rodolphe Burger im Haus statt, das in den sozialen Medien übertragen wurde.

Geplant ist, dass 16 Künstler, darunter Stars wie Shigeru Ban, Alejandro Jodorowsky und Bob Wilson ihre Projekte 2021 vorstellen. Die Aufträge von zehn zum Jahrestag eingeladenen Künstlern werden eben erst anlässlich der womöglich baldigen Wiedereröffnung präsentiert, dazu folgt ein Video, dass der Choreograph Bintou Dembelé in der Region gedreht hat.

Während kleinere Ausstellungszentren wieder zugänglich sind, könnte die Wiedereröffnung großer Kultureinrichtungen erst Mitte Juni erfolgen. „Stabilität der Kultureinrichtungen ist wichtig, wenn das Leben wieder beginnt“, sagt die neue Direktorin Chiara Parisi. „Ich hoffe, selbst nur für wenige Besucher wieder zu öffnen“, betont Parisi. Zunächst wird ein Rückkehrplan für das Team erarbeitet. „Die Abstandsregeln dürfen uns nicht daran hindern, wieder zu öffnen“, sagt sie. „Diese Einrichtung ist eine erstklassige Adresse für Kunst geworden, und mir liegt sehr viel daran, das, was hier geschaffen wurde, weiter voranzutreiben“, erklärt Parisi, die seit dem vergangenen Winter die Geschicke des Hauses lenkt. Sie beschwört die Metzer Tochter des Centre Pompidou in Paris als „gleichzeitig lokal dimensioniertes Museum und Kunstzentrum von internationaler Sichtbarkeit.“

Tatsächlich sticht das Metzer Haus unter Frankreichs Kunstmuseen und -zentren hervor. Optisch sowieso, indem seine beiden Architekten, der Pritzker-Preisträger Shigeru Ban und der Städteplaner Jean de Gastines, ihm die Form eines chinesischen Hutes verliehen. Zirkuszelt, Wiesenchampignon oder Schlumpfhaus – schnell hatte das Kunsthaus in der französischen Presse so seine Spitznamen weg. Der Bau kostete 70 Millionen Euro und war einer der kostengünstigsten in dieser Kategorie. Die Ausstellungsfläche beträgt 5000 Quadratmeter – bei 10 700 Quadratmetern Gesamtfläche. Das Dach ist bespannt mit 8000 Quadratmetern einer hellen Membran aus Polytetrafluorethylen, der Fluor-Kohlenstoff-Polymer ist als Teflon bekannt. Gekrönt wird das Ganze von einer 77 Meter hohen Spitze – eine Hommage an das 1977 gegründete Mutterhaus in Paris.

Dabei bedeutete der Neubau auch einen strukturellen Wandel. Denn als der damalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy am 11. Mai 2010 nach Metz reiste, weihte er nicht „nur“ ein neues Museum ein. In der 120 000-Einwohner-Stadt öffnete letztlich das erste dezentralisierte Großprojekt nationaler Kulturvermittlung in Frankreich – die Louvre-Dependance in Lens folgte im Dezember 2012 und das Europakulturmuseum Mucem in Marseille im Juni 2013. Damit ging einher, dass das Kunsthaus – als Tochter-Institution des Centre Pompidou in Paris – nicht über eine eigene Sammlung verfügt und in einer Kulturpartnerschaft mit dem Gemeindeverbund Metz Métropole realisiert wurde. Gründungsmitglieder sind neben dem französischen Staat und dem Mutterhaus die Region Grand Est, der Gemeindeverbund Metz Métropole und die Stadt Metz. Man teilt sich das Jahresbudget: neun Millionen Euro von den Betriebskosten tragen Gemeindeverbund (rund fünf Millionen Euro), Region (vier Millionen Euro) und Stadt (550 000 Euro) bei, dazu kommen Eigenmittel, Ticket-Einnahmen und Unterstützungen von Mäzenen.

Laurent Le Bon, der erste Direktor in Metz, zog nach einem Jahr eine positive Bilanz, in der er zum einen das große Interesse an der Eröffnung des Gebäudes und an der ersten Ausstellung „Chef d’oeuvre?“, gezeigt wurden 700 Leihgaben aus dem Mutterhaus, hervorhob. Zum anderen verwies er darauf, dass viele Erstbesucher wie Arbeiter, Bauern und Jugendliche gekommen wären und nicht – wie im Gegensatz zu anderen Museen dieser Art – Akademiker.

In den Jahren nach der Anfangseuphorie bemängelten Gäste Leerstand zwischen Ausstellungen und die Besucherzahlen gingen zurück. 2013 zogen dunkle Wolken über der strahlendweißen Dachmembran auf. Direkt nach der Sommerpause rief die damalige Kulturministerin Aurélie Filippetti, eine gebürtige Lothringerin, eine Notsitzung mit der Museumsleitung und allen Finanzierungspartnern in Paris ein. Das Gesamtbudget von elf bis zwölf Millionen jährlich wackelte, nachdem Jean-Pierre Masseret, der damalige Präsident des Regionalrates Lothringen, gedroht hatte, die jährlichen Subventionen in Höhe von vier Millionen zu kürzen oder gar ganz zu stoppen. Für ihn entsprachen die „Ergebnisse weder den Herausforderungen noch den von den Partnern getätigten Investitionen“. Masseret sprach sich zudem für die Anschaffung einer Sammlung aus. Man behalf sich mit der Schau „Phares“: Die semi-permanente, von 2014 bis 2016 dauernde Ausstellung mit 18 großformatigen Kunstwerken, darunter von Joseph Beuys, Fernand Léger, Anish Kapoor und Louise Nevelson, sollte es richten. Die Kosten in Höhe von 500 000 Euro übernahm über die Partnerschaft mit Lothringen der Staat. 2015 kürzte die Region vorrübergehend ihren Zuschuss auf drei Millionen, daraufhin bescheinigte der regionale Rechnungshof dem Haus einen finanzielle Engpass, fehlende „strategische Managementinstrumente und interne Kontrollverfahren“, die damalige Direktorin Emma Lavigne kündigte eine Überarbeitung der Statuten an.

Zeitweise gingen auch die Metzer und Lothringer teils hart mit ihrem Vorzeigemuseum ins Gericht, äußerten sich enttäuscht über angeblichen Snobismus des Hauses, zu hohe Betriebskosten und aufgrund der zahlreichen Gratis-Eintritte für Jugendliche und Senioren zu wenige Einnahmen. Es schien, als ob jede Schwierigkeit, vermeintlich oder tatsächlich, die kulturelle Dezentralisierung in Frankreich infrage stelle. Für den Louvre-Lens, auch ein dezentralisiertes Nationalmuseum, wurde tatsächlich ein anderes Modell gewählt: Das Kunsthaus verfügt, anders als das Metzer Pompidou, über eine semi-permanente Sammlung, die jährlich um 20 Prozent und alle fünf Jahre komplett erneuert wird. Auch das Mucem verfügt über eine Sammlung.

Über die vermeintlich fehlende Sammlung wird heute aber weniger gestritten. „Das Centre ist kein Museum, es hat keine Sammlung“, erklärt Pascal Mangin, Präsident der Kulturkommission von Grand Est. Aber dafür habe es „die drei Schlüssel zum Erfolg: einen Ort, der ein internationales Publikum, auch aus Asien, anzieht, das Know-how und Zugang zur Sammlung des größten Kunstmuseums der Welt“. In der überregionalen französischen Presse fanden die Metzer Schauen sowieso oft ein positives Echo. Über die Ausstellung zu Lee Ufan beispielsweise schrieb Le Monde 2019, dass „die Schau selbst ein Kunstwerk“ sei. Und mit der japanischen Saison hatte man zwischen September 2017 bis Mai  2018 unter Direktorin Emma Lavigne mit 272 800 Besuchern einen neuen Rekord erzielt.

Für Lothringen, das noch das Ende seiner Kohle- und Stahlindustrie und die wirtschaftlichen Kollateral-Schäden verkraften musste, war die Einweihung der Dependance des legendären Pariser Museums die Sensation des Jahres 2010. Seitdem ist die ehemalige Garnisonsstadt mit dem deutsch-wilhelminischen Touch und mittelgroße Provinzstadt im Osten Frankreichs ein Name, mit dem hochklassige, internationale Kunst assoziiert wird. „Der Erfolg des Centre Pompidou-Metz ist außergewöhnlich und er hat unbestreitbar zur Erneuerung seiner Region beigetragen“, sagt Direktorin Parisi.

Tatsächlich hat sich seit seiner Eröffnung vor zehn Jahren auch das umliegende Viertel stark verändert. Vor zehn Jahren stand der futuristische Bau einsam auf einer Industriebrache, heute hat sich das Quartier de l’Amphithéâtre zu einem quirligen und modernen Geschäfts-, Einkaufs- und Wohnviertel mit neuem Shoppingzentrum, Hotels und Kongress­zentrum direkt in einer immer teurer werdenden Bahnhofsnähe mit TGV-Anbindung gemausert. Mangin betont wiederum die Strahlkraft des Kunsthauses auf die lokale Kulturszene: „Es ist wichtig, dass die Kulturinstitutionen zusammenarbeiten und sich nicht ersticken, bis jetzt haben die Teams in Metz und in Paris das immer gut umgesetzt“, sagt er. Die Krise habe gezeigt, dass bei der Digitalisierung noch Ausbaubedarf bestehe. Aber: „Das Centre ist sehr aufmerksam für die Vorgänge in der Region.“ In der Region müssten Einrichtungen in Metz, Nancy und Straßburg aber enger kooperieren, um weitgereiste Gäste länger zu halten und zur Fahrt in die anderen Städte zu animieren.

Chiara Parisi leitet ein nun etabliertes Kunsthaus.  Foto: Philippe Levy

In der Zwischenzeit haben sich die jährlichen Besucherzahlen des Centre stabilisiert. In den vergangenen drei Jahren lagen diese zwischen 304 000 und 345 000. Dreiviertel der Gesamtbesucher kommen aus Frankreich, davon zwei Drittel aus Grand Est. „Mit 304 000 Gästen im Jahr 2019 hat das Centre Pompidou-Metz das starke Band, das es zu seinem Publikum knüpfen konnte, bestätigt, und konnte auch ausländische Gäste, besonders aus Deutschland, für sich einnehmen“, berichtet Parisi. 2018 kam ein Viertel der Gäste aus dem Ausland, davon 40 Prozent aus Deutschland. „Deswegen bieten wir seit 2019 ein neues Besuchsangebot für deutschsprachige Führungen an“, ergänzt die Direktorin. Alles Gäste, die nicht nur Kunst anschauen. Das Versailler Marktforschungsinstitut Test SA bescheinigte dem Kunsthaus einen Einfluss auf die Metzer Ökonomie. 2018 soll es dem Einzelhandel sowie dem Gast- und Hotelgewerbe mehr als 12,8 Millionen Euro Umsatz eingebracht haben, seit seiner Eröffnung 139 Millionen Euro. Demnach kommen zwei Drittel der ausländischen Touristen und der Besucher, die nicht in Moselle wohnen, nach Metz, um diese Kultureinrichtung zu besichtigen. Zwar bleiben sie dort nur anderthalb Stunden, aber in der Stadt und im Umland verweilen sie durchschnittlich 1,7 Tage.