Besondere Wegweiser in Spicheren erinnern an Evakuierung im Jahr 1939

Mit neu gestalteten Grünflächen : Spicheren gedenkt der Evakuierung 1939

Die Gemeinde ließ spezielle Wegweiser und Bilder im Ort errichten, um an die große Evakuierung 1939 zu erinnern. 280 000 Moselaner mussten damals fliehen.

Was mögen nur all diese Wegweiser bedeuten? Das mag sich so mancher fragen, der in jüngster Zeit durch die Hauptdurchgangsstraße von Spicheren Richtung Alsting gefahren ist. Die nostalgisch wirkenden Schilder, die alle paar Meter in den straßenbegleitenden Blumenbeeten stehen, weisen auf weit entfernte Orte wie Chassors, Eraville oder Chazelles hin, die man nicht unbedingt mit Urlaubsdestinationen in Verbindung bringt.

Das kleine Zusatzschild obenauf hilft bei der Lösung des Rätsels weiter: Statt D 53, die Bezeichnung der Straßenkategorie und Nummer, enthält es jeweils die Jahresangabe 1939. Es war das Jahr, in dem Deutschland am 1. September durch den Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg anzettelte. Und genau an jenem Tag verfügte der französische Staat deshalb, rund 300 Gemeinden der sogenannten „roten Zone“ entlang der Maginot-Linie sicherheitshalber zu evakuieren.

Rund 280 000 Mosellaner mussten damals – ebenso wie eine halbe Million Elsässer und weitere französische Grenzbewohner – innerhalb von Stunden ihre Sachen packen und mit Kind und Kegel und Vieh ihre Heimatorte verlassen. Zu Fuß, mit Leiterwagen, Pferdekutschen, Autos, allen zur Verfügung stehenden Verkehrsmitteln mussten sie sich zu vorbestimmten Bahnhöfen begeben. Von dort ging es dann in überfüllten Zügen weiter in die sogenannten Aufnahmegebiete. Eines davon war das Département Charente im Südwesten, in dem auch die Orte Chassors, Eraville und Chazelles liegen. Viele Mosellaner landeten aber auch in den Départements Charente-Maritime, Saône-et-Loire und Vienne, einige wenige in Nord/Pas-de-Calais. An diese Aufnahmestädte, an denen die Evakuierten bis zum Jahr 1940 oder noch länger blieben, will die Gemeinde Spicheren mit den Schildern, zu denen sich auch einige Bilder von Menschen mit Fahrzeugen gesellen, erinnern.

Jedes Jahr lasse sich die Gemeinde für die Gestaltung ihrer Grünanlagen eine neue Bepflanzung einfallen, erläutert Jacqueline Bousch, die Spicherer Beigeordnete für technische Dienste, auf Anfrage  unserer Zeitung. „In diesem Jahr wollten wir die Gestaltung zum ersten Mal unter ein bestimmtes Thema stellen“, sagt sie weiter. Denn Spicheren, das sich schon seit Jahren der in Frankreich begehrten Auszeichnung als „village fleuri“ (blühendes Dorf) für besonderen Blumenschmuck erfreut, möchte gern noch eine Stufe höher kommen. Statt wie bisher mit zwei Blumen will man mit drei Blumen ausgezeichnet werden. Wenn die Gestaltung der öffentlichen Blumenbeete ein Thema hat, hat Bousch erfahren, erhöhen sich dafür die Chancen.

Das Thema hätten die Mitarbeiter der technischen Dienste in Anbetracht des 80. Jahrestags der Evakuierung vorgeschlagen, erzählt Bousch. Die Wegweiser haben die Mitarbeiter aus Dibond-Platten angefertigt und bemalt. Die Schwarz-weiß-Bilder von den zu Evakuierenden hat der lokale Airbrush-Künstler Frank Stutz auf Grundlage historischer Fotos aus dem Gemeindearchiv gestaltet.

Bisher habe sie zu den Schildern nur positive Rückmeldungen bekommen, sagt Jacqueline Bousch. Jetzt ist die Gemeinde gespannt, was die Jury von „village fleuri“ sagt. Am 15. Juli wird sie Spicheren besuchen.

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