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Ausflug zwischen Kleinblittersdorf und Grosbliederstroff

Bewegte Geschichte an der Grenze : Vom Kummersteg zur Freundschaftsbrücke

Einst waren Grosbliederstroff und Kleinblittersdorf zwei Teile eines Ganzen, nur getrennt durch den Fluss. Heute sind es zwei Orte in zwei Nationen und mit zwei Sprachen. Wie es dazu kam, zeigte der Verein „Geografie ohne Grenzen“ bei einem Ausflug an der Grenze.

Nach Kleinblittersdorf ist es für die Saarbrücker nur ein Katzensprung. Gern begibt man sich mit der Saarbahn dorthin, spaziert dann über die Brücke nach Grosbliederstroff und trinkt in der letzten Sonne einen Kaffée im Café Côté Canal. So hielten es auch viele Sonntagsausflügler am vergangenen Wochenende. Doch rund 70 von ihnen wollten mehr wissen über die Ortschaften, zwischen denen man sich heute so selbstverständlich grenzenlos bewegt. Wie sind sie entstanden? Gab es immer schon ein Groß- und ein Kleinblittersdorf oder nicht auch mal ein Ganzes?

Antworten auf diese und viele andere Fragen zur Geschichte und zum Leben an der Grenze gab die Saarbrücker Journalistin Helga Diener, vielen noch besser bekannt unter ihrem früheren Nachnamen Knich-Walter, die als „Grenzgängerin“ seit 20 Jahren in Grossbliederstroff wohnt. Im Namen des Vereins Geographie ohne Grenzen nahm sie Saarbrücker und Kleinblittersdorfer an diesem Nachmittag mit auf einen Spaziergang durch beide Orte.

Los ging es am einstigen Bahnhof von Kleinblittersdorf, der, wie Diener erklärte, für die wirtschaftliche Entwicklung des Ortes sehr wichtig war. Denn mit der Bahn transportierte man den Kalk, der für die Stahlerzeugung in den Hütten wichtig war und der rund um den Ort an der Saar reichlich vorkam, gefördert und in Kalkofen gebrannt wurde. Der Bahnhof und die Bahnlinie wurden kurz vor dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 fertig. Seit 2003 wird die Strecke nur noch von der französischen Bahn und der Saarbahn befahren, die DB habe damals den Verkehr auf der Strecke nach Straßburg eingestellt, erfährt man etwa von Diener. Am Rathaus, in der Mühlengasse, erzählt sie mehr über die Entstehung der Orte. 777 erstmals urkundlich erwähnt, als Besitz eines aus dem Elsass stammenden Abtes namens Fulrad, der es seinem Kloster Saint Denis überließ: Da hieß es noch Blittersdorf.

„Groß- und Kleinblittersdorf trennten sich erst langsam“, erzählt Diener. Lange seien sie nur verschiedene Ortsteile gewesen, gemeinsam wurden sie im Zuge von Landtausch von einem Feudalherrn zum anderen weitergegeben. 5000 Jahre lang hätten die Lothringer die Geschicke bestimmt, doch erst 1766 sei alles, was den Lothringern gehörte auch französisch geworden. Diener: „Damit wurde die Grenze hier zur Staatsgrenze aufgewertet und 1785 war die Grenze wie sie heute ist geboren, ab da ging es immer hin und her“. Mal wurde deutsch, mal französisch. Eine komplizierte, verwickelte Geschichte – genauso wie die Geschichte der Brücken, die „immer ein Politikum“ waren. Lange gab es gar keine. Eine Furt durch die Saar ermöglichte überhaupt erst, dass sich hier ein Ort an beiden Seiten des Flusses entwickelte. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem eine Steinbrücke gesprengt worden sei, habe man den Fluss mit Fähren überwunden, die sogar von einer Frau, Anna Baer, betrieben worden sei. Man baute eine Ersatzbrücke aus Holz, bevor jemand die grandiose Idee hatte, den „Kummersteg“, der als Ersatz für die zerstörte Kaiser-Wilhelm-Brücke in Saarbrücken nicht mehr gebraucht wurde, hier einzurichten. 1968 sei der Steg dann zur Freundschaftsbrücke erklärt worden, was für ein gutes Zeichen für die Zukunft!

Auch gleich neben der Brücke, auf französischer Seite, liegt so ein gutes Zeichen: Der Platz des Euro, mit dem die Großblittersdorfer die gemeinsame Währung in Europa ehren. Ein Platz, sehr sehr gut angenommen werde, wie Diener betont. Ein paar Schritte weiter, dort wo einst das Großblittersdorfer Kohlekraftwerk war und heute ein riesiger Spielplatz ist, kann sie noch eine gute Geschichte erzählen: von dem gemeinsamen Bürgerprotest gegen eine geplante Müllverbrennungsanlage . 40 000 Menschen von beiden Seiten seien gegen das Pariser Projekt auf die Straße gegangen, heute spielten da nicht nur französische, auch deutsche Kinder. Mütter kämen mit ihren Kindern sogar mit der Saarbahn aus Saarbrücken hierher, hat sie beobachtet. Letzte Station ist das Gefallenendenkmal in der Rue de l’Eglise. Diener erzählt von der Befreiung durch die Alliierten, die sich sehr lange hinzog. Ab 1944 hätten die Großblittersdorfer alle im Keller leben müssen, sie fühlten sich von aller Welt fast vergessen, bis sie im Februar 1945 endlich ans Tageslicht zurückkehren konnten. Der Turm der St. Innocent-Kirche sei leider nur verkürzt wieder hergestellt worden, sagt Diener und empfiehlt eine Besichtigung. Ebenso des Heimatmuseums in der einstigen Mädchenschule gleich gegenüber des Denkmals. So oft ist man durch die Straße geradelt und hat es immer übersehen. Deshalb braucht man ab und zu mal eine Führung. Diese wurde vom Umweltminister Jost, der Sonntag auch persönlich mitging, im Zuge des Projekts „Heimat im Wandel“ finanziert. Im nächsten Jahr wird sie voraussichtlich wiederholt werden.