Aus dem Slum ins Schlösschen

Das Dorf Tantonville in Lothringen steht seit vergangener Woche in den Schlagzeilen. Die Ankunft von Flüchtlingen in der Kommune beunruhigt viele Anwohner. Lange werden die elf Männer aber ohnehin nicht bleiben.

Bereits im Herbst machte das Gerücht die Runde. Flüchtlinge aus dem "Dschungel"-Camp von Calais sollten nach Tantonville umgesiedelt werden. In der 650-Seelen-Gemeinde südlich von Nancy sorgte diese Botschaft für Unruhe. Nach einer heftigen Debatte im Gemeinderat Anfang November wurde das Projekt auf Eis gelegt. Bis letzte Woche. Quasi über Nacht wurden elf Männer aus dem Slum von Calais nach Tantonville gebracht. Afghanen, Pakistani, Sudanesen , Iraner und Iraker wohnen jetzt im "Château du Clos". Das Schlößchen gehört dem staatlichen Stromkonzern EdF sowie dem belgisch-französischen Energieversorger Engie, die das Schloss dem Staat für die Flüchtlinge aus Calais zur Verfügung stellten. Im sogenannten "Dschungel" leben zurzeit schätzungsweise 4000 Flüchtlinge in Zeltverschlägen unter katastrophalen sanitären Bedingungen. Die meisten wollen nicht in Frankreich bleiben, sondern versuchen seit Jahren erfolglos, durch den Eurotunnel nach England zu gelangen. Dabei gab es schon Todesopfer im Tunnel.

Wo in Tantonville im Sommer üblicherweise Ferienfreizeiten stattfinden, sollen die elf neuen Bewohner bis Ende März bleiben. Ihre Anwesenheit spaltet die Anwohner, die sich in den sozialen Netzwerken auch über die Art der Unterbringung aufregen. Viele fragen sich, warum die Migranten ausgerechnet im Schloss wohnen und nicht in einer Turnhalle. Die Präfektur von Meurthe-et-Moselle rechtfertigt diese Wahl: "Diese Art von Kollektivunterkünften ist sofort verfügbar und ermöglicht den Migranten in zufriedenstellenden sanitären und sozialen Bedingungen zu wohnen", sagte Sprecherin Roxane Thomas der SZ. Die Umsiedlung sei eine humanitäre Notmaßnahme zum Schutz von Migranten , die in Frankreich Asyl beantragen wollen. Sie sollen in Tantonville bleiben, um Asyl zu beantragen. "Spätestens Ende März sollen sie wieder in eine dauerhafte Unterkunft ziehen." Wohin genau wollte sie nicht sagen.

Dass ausschließlich alleinstehende Männer einquartiert wurden, stößt auch in weiten Teilen der Dorfbevölkerung auf Kritik. Wegen der Übergriffe von Maghrebinern auf Frauen in Köln warnte die lothringische Europa-Abgeordnete Nadine Morano (Konservative Partei Les Républicains) vor schweren Folgen. "Migranten im Schloss von Tantonville unterzubringen ist eine verantwortungslose politische Entscheidung", teilte sie mit.

Bürgermeister Serge Petitdant, der zuerst die Sorgen der Anwohner aufgegriffen hatte, scheint jetzt von den Sicherheitsgarantien der Präfektur überzeugt. "Es muss alles glatt laufen. Es darf keine Ausschreitung, keinen Diebstahl, keine Vergewaltigung geben", sagte Petitdant vor Journalisten. Damit der Aufenthalt der elf Migranten reibungslos läuft, werden sie rund um die Uhr durch Mitarbeiter des Integrationsvereins Arelia betreut. "Außerdem wird die Gendarmerie regelmäßig mit Streifen patrouillieren", so Thomas. Dies diene auch dem Schutz der Flüchtlinge .

Meinung:
Planlos in der Flüchtlingsfrage

Von SZ-RedakteurinHélène Maillasson

Im Oktober forderte das Verwaltungsgericht in Lille vom französischen Staat bessere Bedingungen im Slum von Calais. Als Reaktion darauf sollten dort lebende Migranten im ganzen Land verteilt werden. Aus dem betroffenen Tantonville in Lothringen kam heftiger Gegenwind und kurz vor der Regionalwahl wurde das Projekt dort auf Eis gelegt.

Doch jetzt wurden plötzlich über Nacht elf Männer umgesiedelt. Für zwei Monate. Was danach mit ihnen passiert, ist ungewiss. Das scheinbar planlose Vorgehen in Tantonville ist ein Paradebeispiel dafür, was nicht passieren sollte: Flüchtlinge hin und her zu verfrachten und Anwohner vor vollendete Tatsachen zu stellen.