Arte-Doku über überdimensionale Kriegsdarstellungen in Rotunden

Arte-Dokumentation : Das erste Massenmedium der Geschichte

Das Grauen auf den Schlachtfeldern einem breiten Publikum begreifbar zu machen – das gelang Ende des 19. Jahrhunderts durch überdimensionale Kriegsdarstellungen in runden Sälen. Eine Arte-Doku stellt zwei von ihnen vor. Eine davon befindet sich in der Nähe von Metz.

Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 entstanden die ersten monumentalen Kriegsdarstellungen. Im Innern gewaltiger Rotunden, die eigens zu diesem Zweck in europäischen Metropolen erbaut wurden, waren große Schlachtengemälde zu sehen, mit denen ein Millionenpublikum erreicht wurde. Sie waren das erste Bild-Massenmedium und prägten die Vorstellungen und das Denken bis heute, erzählt Rüdiger Mörsdorf.

Der SR-Autor und -Regisseur der Dokumentation „Kriegspanoramen– Die Entdeckung eines Massenmediums“ stellt ein französisches und ein deutsches Panorama in den Mittelpunkt. Die Maler sollten damals das neue politische Selbstverständnis beider Staaten in den Köpfen der Betrachter verankern. Arte strahlt den Beitrag am 6. August um 23 Uhr aus.

Die Konflikte im Deutsch-Französischen Krieg haben die zersplitterten deutschen Staaten zum Kaiserreich geeinigt, während in Frankreich Napoleon III. abdanken musste, berichtet Mörsdorf. Gleichzeitig habe dieser Krieg dem Bild als erstem Massenmedium der Geschichte zum Durchbruch verholfen.

Der Krieg hatte bis dahin kein Publikum, merkt der Autor an. Zwar habe es schon fotografische Darstellungen des Amerikanischen Bürgerkrieges von 1861 gegeben; doch die langen Belichtungszeiten ermöglichten nur schwarz-weiße und statische Darstellungen. „Mit dem Film kam der Krieg dann in die Kinos“, erinnert Mörsdorf, „und mit dem Fernsehen in die Wohnzimmer“. Heute, im Zeitalter der modernen Medien, seien blutige Konflikte zu jeder Zeit, an jedem Ort präsent.

Im neuen Museum von Gravelotte in der Nähe von Metz befinden sich die Überreste des ersten Rundgemäldes der Welt, des „Panoramas von Rezonville“ von Alphonse de Neuville und Edouard Detaille. Es war 120 Meter lang und 15 Meter hoch. Der Historiker Adrian Moser versucht, Reste des zerschnittenen Gemäldes wiederzufinden. Eine erhalten gebliebene Skizze unterstützt das Vorhaben. Die Maler seien auch die ersten gewesen, die den Menschen den realistischen Anblick eines toten Soldaten zugemutet hätten, zeigt er am Beispiel einiger Fundstücke. Eine Computer-Rekonstruktion soll das vollständige Panorama wieder erstehen lassen. Und es soll verstehen helfen, wie es die Künstler geschafft haben, die traumatisierten Franzosen, die den Krieg verloren hatten, dennoch in Massen in die Rotunde zu locken.

Das zweite Großpanorama, das der Autor vorstellt, stammt aus Deutschland. Es wurde gestaltet von dem Berliner Maler Anton von Werner, der darin die kriegsentscheidende Schlacht von Sedan aus dem Jahr 1870 festhielt. Allerdings fiel das Werk im Zweiten Weltkrieg dem Bombenhagel zum Opfer. Anhand weniger erhalten gebliebener Reste des Panoramas sowie Gemälden aus der Villa des Künstlers erklärt der Berliner Kunsthistoriker Dominik Bartmann die Arbeitsweise des Künstlers.

In seiner spannenden Gegenüberstellung der zwei Werke erzählt der preisgekrönte SR-Kunst- und Wissenschaftsredakteur Mörsdorf, dass die Herrscherhäuser die monumentalen Schlachtengemälde dazu nutzten, die eigene nationale Größe darzustellen. Die gewaltigen Bilder waren das erste Medium, das auch ein Massenpublikum anlockte. Mörsdorf produzierte bereits etliche Dokumentarfilme wie die szenische Darstellung „Das Jüngste Gericht“ oder die Dokumentation „Schulz gegen Juncker – Duell um Europa“.

Die erhaltenen Teile des französischen Rundgemäldes von de Neuville und Detaille faszinieren laut Mörsdorf aufgrund ihrer realistischen Darstellung noch heute die Menschen. Ganz anders dagegen die Gemälde von Anton von Werner. In dessen heroischen Schlachtengemälden wurde das preußische Herrscherhaus künstlerisch stark überhöht dargestellt; das Panorama wirkt eher wie Kriegspropaganda. Insgesamt liefert der Autor eine erhellende und bereichernde Geschichtsstunde. Sie lässt darüber staunen, wie bunt und dramatisch die ersten Kriegsdarstellungen für das Massenpublikum gestaltet wurden.

Dokumentation bei Arte, heute, von
23 Uhr bis 23.55 Uhr.

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