Festival im Elsass : Reise in die Wunderwelten des Mittelalters

Zum 27. Festival „Vokalmusik entlang der romanischen Straße“ gibt es elf Konzerte in Kirchen und Abteien im Elsass, der Vogesen und in Metz.

Die Illustration zeigt eine friedliche Landschaft mit Bergen und Bäumen. Ein Einhorn setzt zum Sprung an; in einem Fluss, aus dem am Ufer ein Schwarzbär trinkt, schwimmen zwei Schwäne. Im Hintergrund lugt ein Wildschwein hinter einem Baum hervor, im Vordergrund sitzen links ein Löwe und rechts ein Hund. Diese Illustration mit dem Titel „Die Tiere von Malabar“ ziert das diesjährige Plakat des elsässischen Festivals „Vokalmusik entlang der Romanischen Straße“ (Voix et Route Romane), das vom 30. August bis zum 22. September stattfindet. Das Thema lautet in diesem Jahr „Mirabilia – Wunderwelten im Mittelalter“.

Das Themenbild der 27. Ausgabe des Festivals ist dem Buch „Die Wunder der Welt“ oder „Itinerarium de mirabilíbus orientalium Tartarorum“ entnommen, das der venezianische Kaufmann Marco Polo (1254-1324) verfasste – der erste echte systematische Reiseführer über den Fernen Osten. Das Manuskript, aus dem die Illustration mit dem Einhorn ist, stammt aus dem frühen 15. Jahrhundert. Wie in Tiererzählungen nicht unüblich erscheinen in Marco Polos Buch mystische und real existierende Tiere vermischt, wie um die Existenz der ersteren zu beweisen. So behauptet Polo, ein Einhorn auf Java gesehen zu haben. Forscher vermuten allerdings aufgrund der Beschreibung, dass es sich eher um ein Nashorn gehandelt haben dürfte.

Das Wunder sei ein Charakteristikum des Mittelalters gewesen, sagt François Geissler, Straßburger Domherr und theologischer Berater des Festivals. Festivaldirektor Denis Lecoq weist darauf hin, dass laut dem französischen Mittelalterhistoriker Jacques Le Goffe (1924-2014) Menschen im Mittelalter in dem sprechenden Tier Wunder sahen, die von Gott oder dem Teufel inszeniert waren. „Das Wunderbare findet sich auch in heidnischen Legenden, in den antiken Kulturen. Alle großen antiken Mythen waren im Mittelalter bekannt und vor allem die Metamorphosen des römischen Dichters Ovid.“

Die mittelalterlichen Manuskripte seien voll von Kreaturen, Wundern und anderen übernatürlichen Phänomen. „Wir haben für das Festivalprogramm versucht, diese Gesichtspunkte aufzugreifen und ein Bestiarium, Metamorphosen, Liebeszauber und jedwede Art von Wundern einzubauen, die das Publikum hoffentlich bezaubern werden“, so Lecoq.

Eröffnet wird das Festival am Freitag, 30. August, um 20.30 Uhr in der Straßburger Kirche St. Etienne. Das schweizer Ensemble „LeMiroir de musique“ stellt „Das Wunder des liebenden Erstaunens im burgundischen Lied des 15. Jahrhunderts“ in den Mittelpunkt seines Auftrittes.

Mit „Wunderwerke aus Frauenhand“ stellt das französische Frauen-Vokalensemble „Mora Vocis“ am Samstag, 31. August, um 18 Uhr in der Kirche Saints-Pierre-et-Paul in Ottmarsheim die herausragendsten Komponistinnen des Mittelalters ins Rampenlicht: Kassia von Konstantinopel (9. Jh.), Hildegard von Bingen (1098-1179), die Äbtissin des Klosters Hohenburg (Odilienberg) und Autorin des „Hortus Delicarum“, Herrade von Landsberg (um1130-1195), die flämische Mystikerin und Begründerin eines Brabanter Beginenhofs, Hadewijch von Antwerpen sowie Birgitta von Schweden (um 1302-1373).

Am Samstag, 7. September, begibt sich das italienische Ensemble „La Fonte Musica“ mit „Metamorfosi Trecento“ (Verwandlungen im italienischen Trecento) in der Eschauer Kirche Saint-Tromphine um 18 Uhr auf eine Entdeckungsreise in das Italien des 14. Jahrhunderts, ins Zentrum der Mythen und der Mehrstimmigkeit des ausgehenden Mittelalters.

Die Kirche Saint-Pierre-Aux-Nonnains in Metz ist am Samstag, 21. September, Konzertort für das deutsche Ensemble „Art Choralis Coeln“, das Lieder aus dem monumentalen Werk „Cantigas de Santa Maria“ im Programm hat. Diese größte in Musik gesetzte Sammlung iberischer Gedichte entstand in der Regierungszeit des kastilischen Königs Alfons X. „der Weise“ (1221-1284). Das Werk umfasst 420 Lieder, von denen 356 in volkstümlicher Sprache von Wundern erzählen, die der heiligen Jungfrau Maria zugeschrieben werden. Für dieses Konzert bietet das Festival gegen einen Aufpreis von 33 Euro einen Bustransfer von Straßburg nach Metz zurück an (inklusive einer Stadtführung).

Für das Abschlusskonzert am Sonntag, 22. September, um 17 Uhr in der Kirche Notre-Dame-de-Galilée in Saint-Dié-des-Vosges intonieren das Straßburger Mittelalter-Ensemble „Alla Francesa“ und der Chor des Straßburger Konservatoriums das „Bestiarium“-Projekt, das Brigitte Lesnes, Dozentin am Konservatorium, ausgearbeitet hat. Sie fasste darin Musik des 13. und 14. Jahrhunderts zusammen. Es tauchen etwa das Pferd Fauvel aus der gleichnamigen französischen Versdichtung aus dem 14. Jahrhundert auf, die „Eselsmesse“, die Kühe, Ziegen und Schafe aus den Pastorellen (= mittelalterliche Gedichtform, die das Werben eines Ritters um eine Schäferin, ein Landmädchen zum Gegenstand hat), die Symboltiere der vier Evangelisten sowie das Einhorn, das mitunter mit dem „mystischen Lamm“ in Verbindung gebracht wird.

Das deutsche Ensemble „Art Choralis Coeln“ hat Lieder aus dem monumentalen Werk „Cantigas de Santa Maria“ im Programm. Foto: Wolfgang Burat/wolfgang burat

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