22 sensible Seveso-Standorte im Département Moselle

Kostenpflichtiger Inhalt: Ungewissheit über Chemikalien : Sorge vor gefährlichen Giften in Carling

Nach dem Brand in einer Chemiefabrik in Rouen werden in Frankreich nun auch andere Industrie-Anlagen mit gefährlichen Substanzen mit Sorge betrachtet. Im grenznahen Département Moselle ist dies vor allem die Chemieplattform in Carling.

Eine pechschwarze Rauchwolke, die sich kilometerweit über die Stadt erstreckt, Polizeibeamte, die die Gefahrenzone mit Mundschutz bewachen, und spärliche Informationen seitens der Behörde: Der Großbrand im französischen Rouen ist rund zwei Wochen her, und immer noch ist ungeklärt, welche Auswirkungen das Feuer im Chemiewerk, wo tonnenweise Zusatzmittel für Öle hergestellt wurden, für die Bewohner in der Umgebung haben wird. Auch im grenznahen Département Moselle blicken die Menschen mit Sorge auf solche Chemiewerke. Denn hier gibt es ebenso mehrere sensible Industrie-Standorte, die unter die sogenannte Seveso-Richtlinie fallen. Die EU-Richtlinie zur Beherrschung der Gefahren bei schweren Unfällen mit gefährlichen Stoffen wurde nach der italienischen Stadt benannt, in der 1976 ein schwerer Chemieunfall geschah.

Je nachdem welche maximale Kapazitäten an gefährlichen Substanzen an den Standorten hergestellt, gelagert und verarbeitet werden, werden die Betriebe in untere und obere Seveso-Klassen unterteilt. Beim Stoff Methanol zum Beispiel liegt der Wert für die untere Seveso-Grenze bei 500 Tonnen. Ab 5000 Tonnen Methanol gehört das Werk zur oberen Seveso-Klasse. Von den insgesamt 45 Seveso-Werken, die sich in Lothringen befinden, sind 22 allein im Grenzdépartement Moselle angesiedelt. Verantwortlich für die Sicherheit der Seveso-Anlagen ist der Präfekt. „Dieser erteilt die Betriebsgenehmigung und unterrichtet den Betreiber über die geltenden Betriebsbedingungen. Darüber hinaus erstellt er einen externen Notfallplan, der umgesetzt werden soll, wenn ein Unfall eintritt, dessen Folgen durch den Betreiber nicht mehr beherrscht werden“, erklärt die Präfektur in Metz auf Anfrage. Doch auch die Bürgermeister der betroffenen Gemeinden müssen die potenziellen Gefahren durch die Seveso-Anlagen in ihrer Politik berücksichtigen. Im Ernstfall müssen sie unter Aufsicht des Präfekten die Rettungsarbeiten koordinieren. Außerdem hat die Ansiedlung von sensiblen Seveso-Anlagen Auswirkungen auf die Stadtplanung.

In direkter Umgebung einer Seveso-Anlage oberer Klasse dürfen beispielsweise keine Häuser gebaut werden. Wer bereits vor der Ansiedlung in der Umgebung gebaut hat, muss entweder nachrüsten oder sich für eine Enteignung durch den Staat entscheiden. Getragen werden die Kosten dafür vom Staat, von der Gemeinde und vom Betreiber der Anlage. Dieser muss ebenso alle fünf Jahre eine aktualisierte Untersuchung über potenzielle Gefahrenquellen vornehmen, um einem schweren Unfall vorzubeugen. Kontrolliert werden die Anlagen in regelmäßigen Abständen durch Beamte.

Der Komplex mit den meisten Seveso-Anlagen im Département Moselle ist die Chemie-Plattform Carling nahe der deutschen Grenze. Gleich vier der 13 Werke der oberen Seveso-Klasse befinden sich in Carling. Einen Großbrand wie in Rouen hat es dort nie gegeben. Der bisher schlimmste Unfall ereignete sich hier 2009, als zwei Mitarbeiter bei einer Explosion starben. Über mögliche Veränderungen beziehungsweise Verschärfungen der Sicherheitsmaßnahmen beim Brandschutz nach dem Unglück in der Normandie wollte sich der Konzern Total in Carling gegenüber der SZ nicht äußern.

Doch auch auch wenn es bisher kein vergleichbares Ereignis wie den Brand von Rouen in unserer Region gab, soll demnächst ein Erfahrungsaustausch zwischen dem Industrieunternehmen in Rouen und  Verantwortlichen in Carling stattfinden. Dabei soll analysiert werden, was zu der Umweltkatastrophe führte und wie relevant eventuelle Verfehlungen auch für die hiesigen Betriebe sind. Um ein Feuer zu verhindern, sei die frühzeitige Erkennung eines Brandherdes der wichtigste Schritt, so die Präfektur. Entsprechend würden in den Anlagen in Carling regelmäßig Übungen stattfinden.

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