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Frankreich: Enthauptung von Samuel Paty - Nachwirkungen ein Jahr später

Attentat vom 16. Oktober 2020 : Gedenken an ermordeten Lehrer Samuel Paty: Attentat wirkt in Frankreichs Klassenzimmern nach

In den französischen Schulen wird an die Ermordung Samuel Patys erinnert. Lehrerinnen und Lehrer sind durch den Anschlag auf ihren Kollegen noch immer erschüttert.

Ein Gymnasium im schicken 16. Stadtbezirk von Paris hatte sich Bildungsminister Jean-Michel Blanquer für die Gedenkstunde an Samuel Paty ausgesucht, die er allen Schulen des Landes verordnet hatte. Vor einem Jahr war der Geschichtslehrer auf dem Nachhauseweg von einem 18-jährigen Islamisten enthauptet worden. Das Attentat hatte ganz Frankreich erschüttert, richtete es sich doch gegen die Meinungsfreiheit, die Paty unterrichtete. Dass er dabei im Bürgerkundeunterricht einer achten Klasse die Mohammed-Karikaturen zeigte, wurde ihm zum Verhängnis. „Samuel Paty ist für die Republik gestorben, für unsere Werte“, erinnerte Blanquer am Freitag an den 47-jährigen Pädagogen.

Nach Enthauptung: Verunsicherung an Frankreichs Schulen ist gewachsen

Frankreichs Lehrerschaft ist durch den Anschlag nach wie vor schwer verunsichert. „Es gibt ein Vorher und ein Nachher“, sagte Bruno Modica, Sprecher einer Vereinigung von Geschichtslehrern, der Zeitung „Le Parisien“. Vor allem in den Problemvierteln der Pariser Vorstädte werden Themen wie die Meinungsfreiheit seither mit noch spitzeren Fingern angefasst. Die Selbstzensur gehört laut einer im Januar veröffentlichten Umfrage der Stiftung Jean Jaurès inzwischen für die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer zum Alltag. Seit 2018 ist der Anteil derer, die im Klassenzimmer heikle Fragen vermeiden, um 13 Prozentpunkte gestiegen. 59 Prozent beobachten einen religiösen „Separatismus“, der Mädchen nicht zum Schwimmunterricht gehen lässt oder den Besuch einer Kirche verweigert. Besonders stark sind solche Tendenzen in den Banlieues der Großstädte, in denen viele Musliminnen und Muslime leben.

Schockierende Aussagen: Schüler zeigten Verständnis für das Attentat

Dort wurden im vergangenen Jahr auch die meisten Verstöße gegen die Schweigeminute registriert, die das Bildungsministerium für Paty angesetzt hatte. 400mal wurde das Gedenken im ganzen Land gestört. In Diskussionen äußerten einzelne Schülerinnen und Schüler gleichzeitig Verständnis für den Attentäter. „Es gab Standpunkte, die schockierten“, berichtet der Lehrer eines Gymnasiums in Champigny-sur-Marne bei Paris. Etwa zwei Drittel seiner Schüler seien der Ansicht gewesen, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt werden sollte, wenn es um die Religion gehe.

Gesetzgebung nach dem Mord an Samuel Paty

Genau eine solche Reaktion will die Regierung aber verhindern, der die rechtspopulistische Opposition mit ihrer anti-muslimischen Rhetorik im Nacken sitzt. Zur Bekämpfung des Islamismus verabschiedete die Nationalversammlung im Frühjahr ein Gesetz, das den Respekt der Laizität, der strengen Trennung von Kirche und Staat, garantieren soll. So soll es beispielsweise Busfahrern, die im Auftrag der Gemeinden fahren, nicht mehr erlaubt werden, ihre Pausen an die Gebetszeiten anzupassen. Eine Art Laizitätsbeauftragter soll darüber wachen, dass in Schulkantinen kein spezielles Menü für Muslime angeboten wird und es in Schwimmbädern keine Badezeiten für Frauen gibt.

Die Ermordung Patys ließ zwei zusätzliche Artikel einfließen: So sollen Hassbotschaften im Internet künftig sofort zu Festnahmen und Verurteilungen führen. Wer zudem in den sozialen Netzwerken jemanden identifiziert, um ihm zu schaden, wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Mit den beiden Maßnahmen reagiert die Regierung auf das Verhalten des Vaters einer Schülerin von Paty. Brahim C. hatte in einem Video gegen Paty gehetzt und in den sozialen Netzwerken die Adresse der Schule in Conflans-Sainte-Honorine bei Paris weitergegeben, wo dieser unterrichtete.

Der Mörder, der nach seiner Tat von der Polizei erschossen wurde, kam so auf die Spur des Lehrers. Gegen fünf Schüler, denen er mindestens 300 Euro für die Identifizierung seines Opfers zahlte, wird ermittelt. An der Mittelschule Bois d’Aulne, die die fünf Jugendlichen inzwischen verlassen mussten, soll am Samstag eine Statue Patys aufgestellt werden. Die Eltern des 47-Jährigen werden von Präsident Emmanuel Macron empfangen. „Die Angst wird die Seite wechseln“, hatte der Staatschef in seiner Trauerrede angekündigt. Ein Jahr später muss er sich die Frage gefallen lassen, ob das inzwischen passiert ist.