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Flut mit 134 Toten: Gewalt der Wassermassen unvorstellbar

Ahrtal : Flut mit 134 Toten: Gewalt der Wassermassen unvorstellbar

Rettungspiloten, Feuerwehrleute und Bürgermeister aus der Verbandsgemeinde Adenau berichten im Untersuchungsausschuss von der Flutnacht mit 134 Toten. Der Ausschussvorsitzende Haller spricht von einer „absoluten, emotionalen Ausnahmesituation“ und bedankt sich.

Der Ortsbürgermeister der Ahr-Gemeinde Schuld, Helmut Lussi, hat im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe den Kreis Ahrweiler scharf kritisiert. Wenn in der Flutnacht Mitte Juli rechtzeitig Katastrophen-Alarm ausgelöst worden wäre, hätte es keine Toten in Sinzig mehr gegeben, sagte der CDU-Politiker am Freitag im Mainzer Landtag. Bei der Flutkatastrophe am 14./15. Juli 2021 waren im Ahrtal 134 Menschen ums Leben gekommen. Die Alarmketten entlang der Ahr bis nach Sinzig seien offensichtlich „suboptimal“ gewesen, sagte der Bürgermeister des Dorfs Müsch, Udo Adriany.

Das Ausmaß der Flutkatastrophe an der Ahr war nach den Worten des Wehrleiters der Verbandsgemeinde Adenau, Dieter Merten, für die Einsatzkräfte überhaupt nicht absehbar. „Es hat Warnungen gegeben, aber immer nur vor Starkregen“, sagte der 59-Jährige, der das Amt ehrenamtlich ausübt. „Auf eine Katastrophe dieser Art ist nie hingewiesen worden.“ Auch Verbandsbürgermeister Guido Nisius (CDU) sagte: „Für uns war in keinster Weise absehbar, dass es ein solches Ausmaß annehmen wird.“ Mit einem solchen Hochwasser habe niemand rechnen können, ergänzte Lussi. „Das Rinnsal ist zu einem reißenden Fluss geworden.“ Die Gewalt des Wassers, in dem Baumstämme, Autos und Wohnwagen trieben, sei nicht vorstellbar.

„Wir haben einen Krieg geführt, den wir nicht gewinnen konnten“, sagte Merten sichtlich mitgenommen über den Einsatz in der Flutnacht. Geräte und Einsatzfahrzeuge hätten nicht mehr genutzt werden können, Metallboxen mit Sandsäcken seien weggeschwommen. Angeforderte Boote hätten nicht eingesetzt werden können, weil die Strömung der Ahr zu stark gewesen sei und sie zu viel Unrat mit sich geführt habe.

„Als wenn einer die Schleusen aufgezogen hätte“, beschrieb der Insuler Bürgermeister Ewald Neiß die Flutkatastrophe. „Aus allen Rohren schoss das Wasser.“ Riesige zischende Gastanks seien auf Bäume zugeschossen und hätten diese wie Streichhölzer umgeknickt. Mit einem lauten Knall habe sich das Wasser unter den Beton einer neuen Halle gedrückt und sie mitsamt des Inhalts weggerissen. Ein angeschwommenes Haus sei an Bäumen zerschellt.

Besonders dramatisch schilderten mehrere Zeugen die Lage auf dem Campingplatz Stahlhütte in Dorsel. Deutlich machten sie auch: Die Nebenflüsse und Verklausungen (Verschlüsse etwa durch Treibgut) an den Brücken haben aus ihrer Sicht zur zerstörerischen Macht der Flutwelle erheblich beigetragen.

Das Wasser auf dem Campingplatz Stahlhütte sei rasend schnell gekommen, berichtete der ehrenamtliche Wehrführer aus Barweiler, Torsten Möseler. Die Evakuierung habe sich aber auch verzögert, weil der Besitzer sich zunächst geweigert habe, berichteten mehrere Zeugen der Feuerwehr. Dieser wies das im Untersuchungsausschuss zurück. Er sei zunächst nicht vor Ort gewesen, dann den Campingplatz aber zweimal abgelaufen, um zu warnen.

Fünf bis sechs Menschen und ein Feuerwehr-Mann seien mit einem Hubschrauber vom Campingplatz gerettet worden, andere Menschen aber in den Wassermassen verschwunden, sagte Möseler. Eine Feuerwehrfrau sei zusammen mit einer bettlägerigen Frau in einem Wohncontainer weggeschwemmt worden - vor den Augen ihrer Kameraden. In Schuld habe es auch deshalb keine Toten gegeben, weil die dortige Campingplatzbesitzerin alle frühzeitig gewarnt habe, sagte Lussi.

„Verklausungen waren erstmal nicht zu erahnen. Alle Brücken waren frei“, sagte Verbandsbürgermeister Nisius. Allerdings hätten die Ortsbürgermeister der Verbandsgemeinde irgendwann vor dem Unwetter Totholz aus dem Uferbereich entfernen wollen, die Naturschutzbehörde habe dies aber untersagt. „Das Gewässer wird im Prinzip nicht gepflegt“, sagte der Bürgermeister des Dorfs Müsch, Udo Adriany. Die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD Nord) betonte in einer Mitteilung: Weder das Umweltministerium noch die Obere Naturschutzbehörde seien involviert gewesen.

Die Nebenflüsse der Ahr - so schilderten es die Zeugen - spielten bei der Flutwelle eine entscheidende Rolle. „Am frühen Abend waren wir von der Außenwelt abgeschnitten“, berichtete der ehrenamtliche Feuerwehrleiter Ralf Prämaßing aus Müsch, wo der Trierbach in die Ahr fließt. An der Brücke hätten sich in einer „riesigen weißen Wand“ Campingwagen gestaut, bis diese geborsten sei, sagte Bürgermeister Adriany. „Das große Problem war bei uns nicht so sehr die Ahr, sondern die Nebenbäche“, berichtete auch Verbandsbürgermeister Nisius. Und: „Es kam sehr viel Wasser von den Hängen herunter, wo normalerweise kein Tropfen fließt.“ Das Wasser sei den Berg herunter gekommen und die Böden seit Mai oder Juni total gesättigt gewesen, berichtete Bürgermeister Lussi.

„Die Katastrophe ist erst greifbar geworden, als ich Panzer zur Rettung von Menschenleben angefordert habe und dies auch bewilligt wurde“, sagte der Chef der Feuerwehr aus Schuld, Tobias Lussi. Dies sei am 14. Juli nach 22:00 Uhr gewesen. Da habe das Wasser in Schuld acht Meter hoch gestanden und sei mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde geflossen. Lkw und Überseecontainer seien angeschwemmt worden.

Tobias Michels von der Air Rescue Nürburgring, Tobias Frischholz von der Polizeistaffel Hessen und der ADAC-Rettungspilot Stefan Goldmann schilderten eindringlich, wie sie bei schlechtem Wetter, eingeschränktem Digitalfunk, technischen Problemen und schlechter Sicht versuchten, Menschen zu retten. „Es gab keine Vorabinfo, dass es zu solchen Einsätzen kommen konnte“, sagte Frischholz, der ohne Winde mit großem Einsatz fünf Menschen retten konnte. An der Stimme der Kollegen habe man hören können, „dass in der Leitstelle in Koblenz richtig der Punk abgeht“.

Er habe gesehen, „wie Menschen unter uns in Autos ertrinken, um Hilfe rufen und ich kann ihnen nicht helfen, weil ich keine Winde habe“, berichtete Goldmann. Mit einem Handyvideo, das er unter anderem an die Leitstelle Koblenz schickte, habe er versucht, alles zu alarmieren, um die Situation in den Griff zu kriegen.

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(dpa)