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Die Kelten an der Saar
Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken

Die Saar bei Dillingen. Im Vordergrund links der Hafen. Vorne rechts schlängelt sich die Prims ins Bild und mündet wenige Meter weiter in die Saar. Im Mittelgrund ein Altarm der Saar. Rechts daneben der geschichtsträchtige Limberg. Im Hintergrund Wallerfangen, das als eine Siedlungskammer im Saartal gilt.
Die Saar bei Dillingen. Im Vordergrund links der Hafen. Vorne rechts schlängelt sich die Prims ins Bild und mündet wenige Meter weiter in die Saar. Im Mittelgrund ein Altarm der Saar. Rechts daneben der geschichtsträchtige Limberg. Im Hintergrund Wallerfangen, das als eine Siedlungskammer im Saartal gilt. FOTO: Robby Lorenz
Die Menschen an der Saar sind sehr früh da. Urmenschen, Urnenfelder, die Kelten, später die Römer. Sie richten ihr Leben am Saarufer ein. Und legen die Grundlagen für spätere Städte an der Saar. Von Michael Kipp

Mammuts, Elefanten, Moschus- und Auerochsen, wollhaarige Nashörner – Getier, das sich so im frühen Steinzeit-Saartal rumtreibt. Großwildjäger jagen sie. Sie hinterlassen Faustkeile, Lagerplätze, steinerne Lanzen- und Pfeilspitzen. Tausende Jahre später finden Wissenschaftler in Hanweiler, Güdingen, Brebach, St. Arnual, Spichern und Wadgassen Überreste von den Urzeit-Saarländern.


Erst als sich die letzte Kaltzeit der Sonne beugen muss, wachsen Bäume am Saarufer. Die großen Tiere verschwinden. Gletscher im Quellgebirge Vogesen schmelzen. Unmengen an Geröll und Schotter schwemmt das Wasser durch das Saartal, schneidet und gestaltet das Flussbett ständig neu. In immer wieder auftretenden Kälteperioden frieren Gletscher und Saar zu, der Schotter bleibt liegen, staut den Fluss auf, lenkt ihn um. Teilweise finden sich heute an der Saar fünf Meter dicke Schotterschichten aus dieser Zeit. Erst als sich das Klima beruhigt, gräbt sich die Ur-Saar ein mäanderndes Hauptbett aus, das sie in der Folge nur noch selten verlassen wird. Etwa im Jahre 6000 vor der Geburt von Jesus ist sie mit dem Bettmachen fertig.

Der Mensch hat in dieser Jung-Steinzeitphase schwer zu kämpfen. Der einst wandernde Jäger und Sammler findet kaum noch Großwild. Er wird sesshaft, wendet sich im Saartal nun vermutlich der Landwirtschaft zu. Acker- und Viehwirtschaft statt Großwildjagd. Einkorn, Gerste und Linse soll er angebaut, Rind und Schwein gehalten haben. Bei St. Johann, Dillingen, Pachten, Wallerfangen finden Forscher Zeit-Zeugnisse wie Feuersteinklingen, Steinbeile („Donnerkeile“), Hämmer und Pfeilspitzen.



Ab dem Jahre 1000 vor Jesus Geburt sind viele Fluss-Terrassen an Blies, Prims und Saar besiedelt. Urnenfelderleute nennen Historiker die Menschen an der Bronzezeit-Saar. Grund: Sie verbrennen ihre Toten und beerdigen den Leichenbrand in Tongefäßen. In Urnen eben. Bei Ballern wächst offenbar eine Urnenfelder-Siedlung, bei Pachten, Besseringen und Wallerfangen finden Forscher Gräber und Bronzebeilagen.

Zwischen später Bronze- und früher Eisenzeit (etwa 800 bis 450 vor Christus) entwickeln sich auch aus den Urnenfelder-Stämmen die Kelten. Auch an der Saar. Wobei hier zwei Keltenstämme ansässig sind. Die Treverer am Unterlauf und unteren Mittellauf. Sie orientieren sich kulturell und politisch an Trier. Und die Mediomatriker am Ober- und oberen Mittellauf. Sie richten sich nach Metz.

In Wallerfangen sind beide Stämme am Start. Kein Wunder: Der Ort boomt zu dieser Zeit, ist wohlhabend. Am Fuße des Limberges bauen die Kelten Kupfererz und Mineralien (Azurit) ab. Eine Fliehburg auf dem Berg steht schon länger. Wallerfangen hat Anbindung an Handelswege. In Kelten-Gräbern in der Nähe des Orts finden Forscher Bronze- und Goldschmuck. Auch in Pachten, Fraulautern und Steinrausch finden sich Gräberfelder der späten Hallstattzeit. Das Saartal beim heutigen Saarlouis entwickelt sich zur Siedlungskammer des Saartales.

Auch am Fuße des Saarbrücker Sonnenberges bauen Mediomatriker etwa um 650 vor Christus zwei Wall- und Grabenanlagen. Um den „Rennweg“ zu schützen, eine Handelstraße aus dem Pariser Becken kommend. Sie kreuzt dort die Saar. Gegenüber – am Halberg in Brebach – gibt es zu dieser Zeit wohl eine Tempelanlage. In einer Grotte. Die Römer bauen sie später zu einem Mithrastempel um. Die sogenannte „Heidenkapelle“. Im 18. Jahrhundert finden die Halbergschloss-Erbauer Tempel-Reste. Die Grotte gibt es heute noch. Das alte Schloss nicht mehr.

Die Kelten fühlen sich nicht nur im mittleren Saartal wohl. Im Übergang zur Latènezeit (450 bis 40 v.Chr.) bauen sie auch an der unteren Saar. Zum Beispiel eine Fliehburg auf den Bergrücken der Saarschleife. Im Osten der Burg Montclair sind noch heute Steinwälle der benachbarten Keltensiedlung zu sehen. Im nahen Mettlach vermutet die Forschung keltische Opferstätten. Bei Merzig-Besseringen finden sie ein Fürstengrab auf dem „Müllerküppchen“. Beigaben darin: ein goldenes Diadem (als Beutekunst in Russland), eine bronzene Schnabelkanne und Beschläge eines zweirädrigen Prunkwagens. Die Goldfunde zeigen, dass die Kelten an der Saar am „Welthandel“ teilnehmen. Über Marseille mit den Griechen zum Beispiel.

Dazu kommt es in der Latènezeit zu einem Bevölkerungszuwachs im Saartal. Mehr Felder müssen her. Wälder an den Saarufern fallen. Die Flusslandschaft verändert ihr Gesicht. Erstmals durch Menschenhand.

Ob die Kelten Waren auf der Saar verschiffen? Das ist wahrscheinlich. Sie können Boote bauen, verschiffen auf anderen Flüssen nachweislich Kupfer, Öl, Bernstein, Salz, Felle, Leder, Roheisen, Ton- und Bronzegeschirr, Zinn und wohl auch fertige Eisenprodukte. Wahrscheinlich auch auf der Saar. Zumal sie bei Wallerfangen Erze und Mineralien abbauen. Und die Kelten rund um das Saartal mächtig erscheinen. Deutlich zu sehen an den Beigaben im berühmtesten saarländischen Keltengrab: im Fürstinnengrab von Reinheim. Voller Goldschmuck. Ein weiteres Zeichen von Macht liegt 50 Kilometer vom Saarufer entfernt: der fälschlicherweise „Hunnenring“ genannte Keltenwall bei Otzenhausen. Im 2. Jahrhundert vor Christus ist er fertig; ein Jahrhundert später geben die Kelten den Wall auf. Eine gigantische Anlage: Zehn Meter hoch, 40 Meter breit, 2,5 Kilometer lang.

Die Römer nennen das Reich der Kelten Gallierreich. Heute würde es in Frankreich, Belgien, der Westschweiz und Südwestdeutschland liegen. Die Römer wollen dieses Gebiet damals dringlich haben. Allen voran Caesar. Auch, um die germanischen Völker hinter dem Rhein zu halten. Im Gallischen Krieg gelingt ihm dies (58 bis 51 vor Christus). Er schlägt die Kelten und richtet in Gallien drei römischen Provinzen ein – das heutige Saartal gehört nun zur römischen Provinz Gallia Belgica. Die Romanisierung des einst keltischen Saartals beginnt. Die Menschen an der Saar sind nun offiziell gallo-romanische Flussbewohner. Und keine Kelten mehr. Nashörner gibt es auch keine mehr.

Alle Teile der Serie:

1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Gedeih und Verderb der Römerstraßen an der Saar 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar. 4. Grafen und Klerus am Saarufer 5. Eilsabeth und die Saar-Frösche 6. Der Sonnenkönig an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Revolution à la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II. 13. Die Industrie tötet die Saar. 14. Die Industrie baut die Saar um. 15. Still und tief fließt die Saar. 16. Fischer und Fische an der Saar. 17. und 18. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise. 19. und 20. Durch das Saarland – eine Fotoreise. 21. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise

Diesen frühlatènezeitlichen Goldhalsreif hat Hobbyarchäologe von Boch in Besseringen Ende des 19. Jahrhunderts gefunden. Das Bild zeigt eine Kopie. Heute liegt der Reif in Moskau. Vermutlich im Puschkin-Museum. Es kam am Ende des Krieges als Beutekunst dorthin. In den Kisten, in denen der Trojaschatz von Schliemann nach Moskau kam.
Diesen frühlatènezeitlichen Goldhalsreif hat Hobbyarchäologe von Boch in Besseringen Ende des 19. Jahrhunderts gefunden. Das Bild zeigt eine Kopie. Heute liegt der Reif in Moskau. Vermutlich im Puschkin-Museum. Es kam am Ende des Krieges als Beutekunst dorthin. In den Kisten, in denen der Trojaschatz von Schliemann nach Moskau kam. FOTO: Museum für Vor- und Frühgeschichte Saarbrücken
Diese gut verarbeiteten Werkzeuge aus der Bronzezeit haben Forscher bei Brebach an der Saar gefunden.
Diese gut verarbeiteten Werkzeuge aus der Bronzezeit haben Forscher bei Brebach an der Saar gefunden. FOTO: Museum für Vor- und Frühgeschichte Saarbrücken
Bereits aus der Steinzeit finden sich Werkzeuge an den Ufern der Saar. Hier die so genannten „Donnerkeile“. Gefunden bei St. Arnual.
Bereits aus der Steinzeit finden sich Werkzeuge an den Ufern der Saar. Hier die so genannten „Donnerkeile“. Gefunden bei St. Arnual. FOTO: Museum für Vor- und Frühgeschichte Saarbrücken
In Tongefäßen haben die Urnenzeitfelder-Menschen die Asche ihrer Toten begraben. Die ersten Urnen sozusagen, gefunden an der Saar bei Ballern.
In Tongefäßen haben die Urnenzeitfelder-Menschen die Asche ihrer Toten begraben. Die ersten Urnen sozusagen, gefunden an der Saar bei Ballern. FOTO: Museum für Vor- und Frühgeschichte Saarbrücken