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Chrystalle Zebdi Bartz vertritt Frankreich bei Gedenkfeier für KZ-Befreiung

Gedenkfeier KZ-Befreiung : „Geschichte besteht nicht nur aus Daten“

Die Lothringerin Chrystalle Zebdi-Bartz vertritt jetzt Frankreichs Jugend im Bundestag und bei der Gedenkfeier anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Als kleines Mädchen träumte sie davon, Hie-
roglyphen zu entziffern. Wenn sie fernsehen durfte, dann setzte sie sich auf das Sofa neben ihre Schwester und schaute Dokumentation über das Leben der Pharaonen. „Geschichte war schon immer meine Leidenschaft. Als Kind war ich vor allem vom alten Ägypten fasziniert“, erzählt Chrystalle Zebdi-Bartz.

Um Geschichte geht es bei der Reise, die sie morgen antritt, auch, allerdings um ein dunkles Kapitel. Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz wird der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Aus ganz Europa und Israel reisen zu diesem Termin junge Menschen nach Berlin. Im Bundestag nehmen sie an verschiedenen Arbeitsgruppen teil. Es geht um die Geschichte des Nationalsozialismus, aber auch darum wie man sich heute gegen Antisemitismus und Rassismus engagieren kann. Anschließend reist die Gruppe weiter nach Auschwitz zur offiziellen Gedenkfeier. Jedes Land schickt einen Vertreter. Frankreich hat die 21-jährige Lehramtsstudentin ausgewählt.

„Ich bin natürlich sehr stolz, dass meine Bewerbung überzeugen konnte. Es gibt leider nicht mehr viele Zeitzeugen, die von dieser grausamen Epoche berichten können. Um zu verstehen, wie es so weit kommen könnte, sind ihre Aussagen aber sehr wichtig. Denn Geschichte besteht nicht nur aus Daten und Zahlen und sollte auch nicht so vermittelt werden“, meint Zebdi-Bartz. Hinter dem Nationalsozialismus habe es „keine außerirdischen Monster“ gegeben, sondern es seien Menschen gewesen, die zu solchem Hass und solcher Grausamkeit in der Lage waren, meint sie. Deshalb könne man nicht ausschließen, dass sich die Geschichte nie wiederhole. „Auch heute geschehen noch Völkermorde, zum Beispiel durch den IS an den Jesiden.“ Andere darüber aufzuklären, liegt Zebdi-Bartz am Herzen.

Seit 2017 führt sie in ihrer Freizeit Gruppen durch das Fort  Bambesch der Maginot-Linie in der Nähe von St. Avold. „Genau hier, in unserer Grenzregion, hat die Geschichte so viele Spuren hinterlassen. Ich finde es spannend, diesen nachzugehen“, sagt sie. Wie sehr jede Familie mit der Geschichte der Region verbunden ist, hat Zebdi-Bartz vor ein paar Jahren selbst erfahren. Als sie im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Arbeit in Bambesch alte Soldatenhefte archivierte, fiel ihr ein Name besonders auf. „Es war mein Urgroßvater, der anscheinend hier, hinter der Maginot-Linie gekämpft hatte.“

In Berlin freut sie sich, junge Erwachsene mit gleichen Interessen zu treffen. „Leider ist es so, dass viele Menschen in meinem Alter es langweilig finden, sich über Geschichte zu unterhalten“, bedauert sie. Nach dem Abitur wollte sie ihre Leidenschaft zum Beruf machen und schrieb sich in Metz in den Studiengang deutsch-französische Geschichte ein. Nach dem ersten Jahr war Schluss. „Nur drei Studenten hatten sich am Anfang des Semesters angemeldet. Am Ende des Jahres war ich die einzige, die weitermachen wollte, also wurde der Studiengang geschlossen.“

Nun hat sie sich umorientiert und studiert Lehramt, um Deutsch-
lehrerin zu werden. Auch hier geht es ihr unter anderem um den Kampf gegen Vorurteile. „Viele Schüler sehen in der deutschen Sprache nur Grammatik-Tabellen. Auch bei uns direkt an der Grenze. Für die meisten ist Saarbrücken lediglich eine Stadt zum Shoppen. Dabei hat das Land so viel erlebt, gehörte mal zu Deutschland, mal zu Frankreich. Das wissen die meisten Lothringer in meinem Alter nicht“, sagt sie. Das findet sie schade. „Insgesamt, wie meine Generation mit der Geschichte und der Erinnerungskultur umgeht, verstört mich manchmal“, gibt sie zu.

Nach den Tagen im Bundestag fährt Zebdi-Bartz mit der Delegation weiter zum Konzentrationslager Auschwitz. Dort war sie bereits vor drei Jahren mit ihren Eltern, die ihren Wissensdurst unterstützen. Sechs Stunden lang besichtigte sie diesen Ort des Grauens. „Ich war von der Besichtigung ergriffen, aber auch schockiert, wie sich manche Besucher aufführten“, sagt Zebdi-Bartz. Sie berichtet von Jugendlichen, die sich liegend auf den Schienen fotografieren ließen, und der Suche nach der besten Selfie-Pose vor dem Eingangstor. Das sei nicht nur pietätlos, sondern zeige vor allem, dass den jungen Besuchern nicht klar sei, wo sie sich befinden. Dass dort so viele Menschen ihr Leben verloren haben. „Auf dem Friedhof, wo ihre Verwandten liegen, würden sie sich nie so verhalten“, ist sie sich sicher.