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Centre Pompidou in Metz zeigt Retrospektive über Sergej Eisenstein

Eisenstein-Schau in Metz : Der Vater des monumentalen Bildes

Action, Pathos und Ikonographie: Metzer Centre Pompidou widmet Kinopionier Sergej Eisenstein eine erhellende Retrospektive.

Das schreiende Baby im Kinderwagen, seine Mutter, die von einer Kugel getroffen wird, eine Menschenmasse in Panik. Aber vor allem der Kinderwagen, der losgerissen im Kugelhagel eine Freitreppe hinunter saust. Eine monumentale Treppe mit schier endlosen Stufen. Selbst Filmfans, die den Film nie gesehen haben, kennen diese Szene auf der Hafentreppe von Odessa, die Sergej Eisensteins Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ berühmt gemacht hat.

Im Metzer Centre Pompidou läuft die Szene in Endlosschleife auf Großbildschirm und führt vor Augen, wie stilistisch zeitlos und packend sie auch 95 Jahre nach ihrer Entstehung noch ist. Allein sie lohnt einen Bummel durch die Ausstellung „Das Ekstatische Auge. Sergej Eisenstein, Filmemacher am Kreuzweg der Künste“, die das Werk des wohl bekanntesten sowjetischen Filmregisseurs beleuchtet.

Schnell lernt man hier, Eisenstein (1898-1948) war mehr als „nur“ ein Filmemacher. Der in Riga Geborene trat als stilprägender Filmtheoretiker und sehr bewanderter Kunsthistoriker in Erscheinung. Wie mannigfaltig Eisensteins Werk geprägt war, stellt die Schau überraschend und spannend dar. Denn der Filmemacher ließ sich in seiner Bildgestaltung von Klassikern und Zeitgenossen der Malerei, Gravur, Zeichnung und Bildhauerei stark beeinflussen und verwies unter anderem auf Werke von Michelangelo, Eugène Delacroix, Félix Vallotton und Alexander Rodtschenko.

Mit „Panzerkreuzer Potemkin“ entstand 1925 ein Klassiker. Foto: Sergueï Eisenstein, Le Cuirassé Potemkine, 1925 FSF

Einen Grundstein für Eisensteins komplexe und innovative Filmarbeit legte der Theaterregisseur und Avantgardist Wsewolod E. Meyerhold, bei dem der junge Mann in Moskau in die Lehre ging. Meyerhold hatte ein symbolistisches und antinaturalistisches Bühnenverständnis und ebnete dem modernen Theater den Weg. Auf Basis dieser frühen Einflüsse stellt die Schau, die Leihgaben des Staatlichen Russischen Literatur- und Kunstarchivs und des Musée du quai Branly-Jacques Chirac umfasst, Eisensteins Werdegang an sieben Filmen nach – vom ersten Langfilm „Streik” (1925) über „Panzerkreuzer Potemkin” (1925) und „Oktober“ (1927) bis zu „Iwan der Schreckliche” (1944-46).

Hauptfokus ist die Verdeutlichung der Parallelen zwischen Eisensteins Filmen und der Kunst, die sein filmisches Auge so maßgeblich prägte. Und das gelingt auf verblüffende Weise, denn um die projizierten Filmszenen sind mit Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Fotos Eisensteins Inspirationsquellen drapiert. Sie machen deutlich, wie stark grafisch er seine Szenen komponierte. So schöpfte er auch beim Genre- und Allzeitklassiker „Panzerkreuzer Potemkin” bei den ganz Großen: Die schlafenden Filmmatrosen erinnern an Michelangelos „Sterbender Sklave“, die zusammensackende Mutter an Berninis erotische Frontalskulptur „Verzückung der heiligen Theresa“. Sein „Iwan, der Schreckliche“ wiederum nimmt immer wieder Bezug auf byzantinische Ikonen und japanische Holzschnittkunst. Gekonnt übertrug Eisenstein kanonisierte und wohl erprobte Darstellungsmethoden in das junge Medium Film und wurde auch deswegen zu einem frühen Vater monumentaler Leinwanddramatik. Sein kontrastreiches Wechselspiel von Close-up und Tiefe des Raumes taten ihr Übriges.

Angesichts dieser Wechselbeziehungen wird klar, warum diese Filme ganze Generationen von Regisseuren prägten und ihre Schlüsselszenen noch heute beeindrucken. Denn egal, welche der gezeigten Szenen man schaut, sie fesseln und bewegen: Aggressive, für den Stummfilm ungewohnt schnelle Schnitte und Schockmomente mit Gewalt und Blut sollten damals die Zuschauer reizen, bewegen und auch revolutionäre Ideale vermitteln. Attraktionsmontage nannte Eisenstein das. Dabei war er keinesfalls zimperlich, allein am Schluss seines Spielfilmdebüts „Streik“ wird einem Rind die Kehle aufgeschlitzt und ein Kleinkind vom vierten Stock in den Hof geworfen.

Sergej Eisenstein filmte radikal und innovativ. Foto: bildarchivpreussischerkulturbesitz

Was aber an der sehr sehenswerten und faszinierenden Schau zu bemängeln wäre, sind fehlende Verweise auf Eisensteins fähigen Mitstreiter Eduard Tisse und den überraschenden Einfluss zweier Lothringer Künstler. Offenbar griff Eisenstein Ideen des Karikaturisten Grandville und des Kupferstecher Jacques Callot auf. Ihre Werke sind mit ausgestellt, nur fehlt leider der Verweis, dass beide aus Nancy stammen. Und geht es um Eisensteins Werk, wäre eine Herausarbeitung der Rolle von Weltkriegs- und Wochenschau-Filmer Eduard Tisse, der in allen großen Eisenstein-Würfen die Kamera führte, interessant gewesen. Allerdings nur Wermutstropfen. Denn wer sich fragt, wie große, eindringliche Kinobilder eigentlich konzeptionell entstehen, ist hier genau richtig.

„Das Ekstatische Auge. Sergej Eisenstein, Filmemacher am Kreuzweg der Künste“, bis 24. Februar, Centre Pompidou in Metz. Geöffnet mittwochs bis montags von 10 bis 18 Uhr.