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Ausgangssperre in Frankreich und schnelle Hilfen für das Elsass

Das nachbarland unter Ausgangssperre : Frankreichs Krieg gegen das Virus

Am Dienstagmittag trat im Nachbarland die Ausgangssperre in Kraft. Präsident Macron will derweil der Wirtschaft aus der Corona-Krise helfen – ebenso wie dem Elsass.

Ungewohnte Hektik auf den Bahnhöfen in Paris. Wenige Stunden vor dem Einsetzen der Ausgangssperre um die Mittagszeit wollen viele Menschen am Dienstagmorgen die Millionenmetropole noch schnell verlassen. „Wir fahren zu unseren Eltern auf Land, das ist schöner, als hier die enge Stadtwohnung“, erklärte eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau auf dem Weg zum Gare du Nord. Auch auf dem Gare de l’Est, von wo die Züge in Richtung Deutschland starten, ist viel Treiben. „Ich habe meine Tochter besucht, die hier lebt und vor einigen Tagen ein Kind bekommen hat“, sagt eine Frau aus der Nähe von Frankfurt. „Mein Zug wäre Ende der Woche gegangen, aber unter diesen Umständen habe ich schnell umgebucht.“

Angesichts dieser Reisewelle werden nun Sorgen laut, dass sich das Virus durch die aus der Stadt kommenden Menschen schneller im ganzen Land ausbreiten könnte. Aus diesem Grund begann die staatliche Bahn SNCF am Dienstag damit, die Langstreckenverbindungen mit TGV-Schnellzügen drastisch einzuschränken. Gesundheitsminister Olivier Veran wies darauf hin, dass die Einschränkungen für das öffentliche Leben an der Küste genauso gelten wie in Paris. Am Dienstag erklärte der Minister, dass die Sperre mindestens zwei Wochen dauern werde.

Wegen des Coronavirus hatte Präsident Emmanuel Macron am Montagabend in einer Fernsehansprache eine Ausgangssperre ab Dienstag, zwölf Uhr, verhängt. Für deren Überwachung sind über 100 000 Sicherheitskräfte mobilisiert worden. Innenminister Christophe Castaner appellierte am Dienstag noch einmal eindringlich an alle Franzosen: „Bleiben Sie zu Hause!“ Wer sich nicht an die Vorgaben hält, auf den warten empfindliche Strafen. Für Verstöße sollten die Bußgelder bald auf 135 Euro erhöht werden, derzeit drohen noch 38 Euro.

Allerdings müssen sich die Menschen nicht komplett in ihren Wohnungen einsperren. Erlaubt sind kurze Gänge zum Supermarkt, um einzukaufen. „Man kann auch weiter Individualsport machen oder mit seinem Hund spazieren gehen“, unterstrich Innenminister Castaner. Alles müsse allerdings sparsam, im Abstand zu den Mitmenschen, in der Nähe der Wohnung und mit großem Augenmaß geschehen. „Man kann an die frische Luft, aber Fußball spielen geht nicht,“ erklärte er.

In Frankreich waren bereits seit Sonntag alle Restaurants und Bars geschlossen. Auch Schulen, Kindergärten und andere Bildungseinrichtungen, Museen und Bibliotheken bleiben derzeit zu. Dennoch hatten sich an dem sonnigen Wochenende unzählige Menschen im Freien getroffen. Der beliebte Parc des Buttes-Chaumont im 19. Arrondissement von Paris war übervoll mit Menschen, die auf dem Rasen ihre Picknick-Decken ausgebreitet hatten.

Bilder wie diese veranlassten Präsident Macron wahrscheinlich dazu, die Ausgangssperre für das gesamte Land auszurufen. In einer fast schon dramatischen Ansprache rief er die Bürger auf, sich verantwortungsvoll zu verhalten. „Selbst wenn Sie keine Symptome haben, können Sie infiziert sein und andere anstecken.“ Immer wieder wiederholte er den Satz: „Wir sind im Krieg!“

Der Kampf gegen das Coronavirus sei „auch ein wirtschaftlicher und finanzieller Krieg“, sagte Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire dem Radiosender RTL. Dieser Kampf werde „von Dauer sein, er wird heftig sein, und für diesen Krieg müssen wir alle unsere Kräfte mobilisieren“, forderte er. Kein Unternehmen solle sich sorgen, aufgrund der Maßnahmen Bankrott zu gehen, versprach Macron. Miete oder Stromkosten sollen für mittlere und kleinere Unternehmen ausgesetzt werden, wenn sie in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Die Regierung kündigte zudem ein milliardenschweres Hilfspaket für die Wirtschaft an. Unternehmen und Arbeitnehmer sollen mit insgesamt 45 Milliarden Euro unterstützt werden, sagte Le Maire.

Bei seiner Ansprache kündigte Macron zudem eine schnelle Hilfe für das besonders vom Virus betroffene Elsass an. In den nächsten Tagen will er dort ein Feldkrankenhaus errichtet lassen, um die überfüllten Kliniken zu entlasten. Französische Medien berichten, dass dieses über 30 Intensivbetten verfügen soll. Die Zahl der Betten kann aber aufgestockt werden, wenn die Situation kritischer wird. Standort könnte der Flugplatz Entzheim bei Straßburg oder Mülhausen sein. Die Stadt nahe der Grenze zu Baden-Württemberg ist die am meisten vom Virus befallene Gegend Frankreichs. Dort sind laut Präfektin Josiane Chevalier die Intensivstationen überlastet.

Ebenso will Präsident Macron die französische Armee für Krankentransporte einsetzen, um Patienten unter den Regionen besser zu verteilen. Dieser Schritt wurde von Jean Rottner, dem Präsidenten der Region Grand Est begrüßt. Rottner war selbst jahrelang Arzt auf der Intensivstation im Mühlhausener Krankenhaus. Am Wochenende hatte er in einem Fernsehinterview gewarnt, dass das Coronavirus nicht ausschließlich ältere Menschen bedrohe und über Fälle von jungen Patienten berichtet, die in Mülhausen beamtet werden müssen. Im Anschluss an Macrons Ansprache gestern Abend gab er im Fernsehsender France 2 nochmal ein Interview zum aktuellen Stand. „Seit Ende letzter Woche merken wir eine Steigerung mit zusätzlichen Sterbefällen und mehr Beatmungspatienten, die wir zu anderen Krankenhäusern verlegen müssen“, sagte er. Einziger Hoffnungsschimmer: „45 Menschen sind geheilt aus dem Krankenhaus entlassen worden.“

Insgesamt sind in der Grenzregion Grand Est inzwischen 1543 Menschen infiziert – davon 222 im Département Moselle, das eine Grenze zum Saarland hat. Das bestätigt die regionale Gesundheitsbehörde ARS. Alle Kliniken in Grand Est versuchen, ihr Personal aufzustocken. Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, die seit weniger als fünf Jahren in Ruhestand sind, werden aufgerufen, sich auf freiwilliger Basis bei den örtlichen Krankenhäusern zu melden, um Unterstützung zu leisten.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verkündete am Montag eine Ausgangssperre. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Obwohl der Einkauf in Lebensmittelgeschäften erlaubt bleibt, erlebten die Supermärkte in der Grenzregion am Montag und noch gestern einen Riesenansturm. In der Grenzstadt Forbach standen die Menschen bis zu anderthalb Stunden an, um den Supermarkt Cora zu betreten. Nachdem sich manche Kunden aggressiv verhalten hatten, rief die Supermarkt-Leitung die Menschen zur Besonnenheit auf. Auch vor dem Super U in Oeting mussten sich die Menschen länger gedulden. Am Eingang achtete Security-Personal darauf, dass sich nicht zuviele Menschen gleichzeitig im Gebäude aufhielten.