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Alphonse Bastian war 55 Jahre Bürgermeister in Lothringen

Kostenpflichtiger Inhalt: Kommunalwahl Lothringen : Nach 55 Jahren ist Schluss im Rathaus

Nach über einem halben Jahrhundert blickt der 88-jährige Alphonse Bastian auf seine neun Amtszeiten als Bürgermeister in Eblange zurück.

Vor zwei Wochen war seine letzte Hochzeit. Es folgte die letzte Sprechstunde, bald folgt die letzte Sitzung des Wassersyndikats. Im Leben von Alphonse Bastians reiht sich zurzeit ein letztes Mal an das andere. Der 88-Jährige durchlebt seine letzten Tage als Bürgermeister in der lothringischen Gemeinde Eblange. Bei der Kommunalwahl entscheidet sich jetzt, wer sein Nachfolger werden wird – nach 55 Jahren. Solange trägt Bastian schon die Trikolore-Schärpe. „Die Vorstellung, dass jetzt damit Schluss ist.... das ist schon sehr komisch, ich kann das noch nicht richtig fassen“, sagt der Bürgermeister.

Mit 27 saß Alphonse Bastian zum ersten Mal im Gemeinderat. Als der damalige Bürgermeister nicht wieder antrat, wurden alle Gemeinderatsmitglieder auf eine Liste geschrieben – alphabetisch. „Da stand ich mit B halt als erster“, erinnert er sich. Und so wurde er 1965 zum Bürgermeister gewählt. Damals zählte Eblange knapp 100 Einwohner, „aber es gab jede Menge Arbeit“. Asphaltierte Straßen, Bürgersteige, Kanalisationen – das alles gab es noch nicht. Erfahrung in der Verwaltung brachte Bastian als neuer Bürgermeister keine mit. Zwei Jahre hatte er vor dem Krieg die französische Schule besucht, bevor er Richtung Süden evakuiert wurde. „Danach habe ich fünf Jahre die deutsche Schule besucht und eine Lehre als Tischler gemacht. Das ist bis heute mein einziger Abschluss“, sagt er lachend. Kurz danach nahm er einen Job auf der Chemieplattform in Carling an. Dort arbeitete er neben seiner Tätigkeit als Bürgermeister bis zur Rente. Obwohl fachfremd, zeigte sich der Quereinsteiger umso motivierter im Amt. Unterstützung; um sich einzuarbeiten, bekam er vom Gemeindesekretär, der früher schon in einer anderen Kommune gearbeitet hatte und nun für zehn Stunden wöchentlich ins Rathaus nach Eblange kam. „Im Grunde ist die Lage gleich geblieben: Eine kleine Gemeinde wie Eblange muss um Zuschüsse kämpfen“, fasst er seine Arbeit zusammen. Nur das „wie“ sei jetzt komplizierter geworden, mit viel „Computerkram“ und mit verschiedenen Ansprechpartnern wie Gemeindeverband, Département, Region und EU. Schon bevor es genormte Antragsformulare gab, wusste Bastian an Geld zu kommen. Als die Kirche einzustürzen drohte, gönnte sich der Bürgermeister keine Ruhe, bis er zwei Millionen Francs (circa 250 000 Euro) für die Restaurierung beisammen hatte – das Zehnfache des kompletten Haushalts seiner Gemeinde..

1974 wurde im ganzen Ort eine Kanalisation gelegt. Dadurch gab es die Möglichkeit, ein Neubaugebiet zu erschließen. Bastian leitete eine Flurbereinigung ein, um attraktivere Grundstücke zu schaffen. Aus einem machte er einen Fußballplatz. „Damals waren die Menschen skeptisch, also habe ich gesagt, dass es für die Landwirtschaft verpachtet wird. Dabei hatte ich von Anfang an die Idee, dort einen Sportplatz zu bauen“, erinnert er sich. Diese Notlüge haben ihm die Bürger nicht übel genommen. Heute gibt es sogar zwei Fußballteams im kleinen Ort.

Fast 400 Menschen wohnen mittlerweile in Eblange. Bastian kennt sie alle persönlich und mit Namen. Wenn die Bürger ein Anliegen haben, können sie an zwei Tagen pro Woche ins Rathaus kommen. Eine Scheune wurde zu einem Empfangsraum für Bürger umgebaut, allerdings wird er selten genutzt. „Die meisten passen mich einfach ab, wenn ich zu Hause bin“, sagt Bastian, der gegenüber vom Rathaus wohnt. Hier ist sein Büro schlicht eingerichtet. Ein bisschen Büromaterial, drei Stühle, zwei Tische, eine Frankreich- und eine Europa-Karte an der Wand neben dem Belegungsplan für die Mehrzweckhalle. Auch darauf ist er besonders stolz. 300 Quadratmeter Platz und das, „als größere Städte wie Boulay noch keine Hallen hatten“. Doch die Belegung ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen. „Das Fernsehen und das Internet haben das soziale Leben schon beeinträchtigt“, sagt Bastian. Sein eigenes Privatleben spielt sich in Eblange ab. Seine beiden Töchter wohnen in der Gemeinde, eine davon ist ebenfalls politisch aktiv. Sie steht jedoch auf einem hinteren Listenplatz, aus Zufall, so wie ihr Vater einst, wird sie wohl nicht zur Bürgermeisterin gewählt.

Dass es zwei Listen gibt, ist in Eblange eine Premiere. Gegen Bastian, der neun Amtszeiten Bürgermeister war, trat nie ein anderer Kandidat an. „Sieht so aus, als wären sie mit mir zufrieden gewesen“, sagt der 88-Jährige. In 55 Jahren im Amt hat er von De Gaulle bis Macron acht Präsidenten erlebt. Auch in der Lokalpolitik sind Weggefährten gekommen und gegangen. „Alle zehn anderen, die mit mir im ersten Gemeinderat saßen, sind inzwischen gestorben“, stellt er nüchtern fest. Wie er sich über die Jahre fit halten konnte? „Ich habe nie geraucht“, scherzt er. Doch die Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Im Sommer musste er aus Gesundheitsgründen pausieren. „Es wird körperlich wirklich anstrengend. So gesehen ist es auch eine Erleichterung aufzuhören“, gibt er zu. „Doch ich bereue nichts. In dieser Funktion habe ich mich wirklich entfalten können.“ Was er jetzt mit der neu gewonnenen Freizeit ab nächster Woche anfangen will? „Ganz ehrlich, ich weiß es noch nicht. Ich habe sogar fast ein bisschen Angst davor.“ Doch darum kümmert sich Bastian wenn es an der Zeit ist. Als Bürgermeister muss er noch die letzten organisatorischen Fragen für die Abstimmung klären. Zum letzten Mal.