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Bilanz nach fünf Jahren Frankreichstrategie

Bilanz nach fünf Jahren Frankreichstrategie : „Es dauert, bis Visionen Realität werden“

2014 setzte die Landesregierung das Ziel, das Saarland soll zweisprachig werden. Was ist nach fünf Jahren erreicht?

Im Januar 2014 stellte die Landesregierung ihre Frankreichstrategie vor und erregte damit Aufsehen. „Das kleine Saarland wird jetzt zweisprachig“ schrieb etwa die Tageszeitung „Die Welt“. Ziel ist es, die Frankreichkompetenz des Saarlandes als Markenzeichen zu etablieren. Wie ist es fünf Jahre später darum bestellt? Von Zweisprachigkeit kann keine Rede sein, aber das war ja auch als Generationenziel, also bis zum Jahr 2043, ausgegeben.

Inzwischen sind 220 der 480 saarländischen Kitas bilingual, laut Europaministerium, 47 der 162 Grundschulen unterrichten Französisch ab Klassenstufe 1, alle anderen ab Klassenstufe 3. Neben dem Deutsch-Französischen Gymnasium und dem Schengen Lyzeum gibt es nun vier AbiBac-Schulen, an denen Schüler das deutsche Abitur und das französische Baccalaureat ablegen können. Vier deutsch-französische Berufsschulzweige in unterschiedlichen Ausbildungsberufen (KFZ, Tourismus, Hotellerie, Gastronomie) wurden eingerichtet. Die grenzüberschreitende duale Ausbildung wurde etabliert: Deutsche Azubis können einen Teil ihrer Ausbildung in französischen Betrieben verbringen und umgekehrt.

Der Möbelhersteller Nobilia hat sich nach Einschätzung der Industrie- und Handelskammer wegen der Frankreichkompetenz im Land entschlossen, eine Niederlassung in Saarlouis-Lisdorf einzurichten, um den Markt in Frankreich zu bedienen. Für französischsprachige Existenz- und Unternehmensgründer wurde eine zentrale Anlaufstelle, der „guichet unique“, eingerichtet. Seit Anfang dieses Jahres können Verhandlungen am Landgericht Saarbrücken über Handelsangelegenheiten und grenzüberschreitende Streitigkeiten auf Französisch geführt werden.

Es wurde also einiges umgesetzt. Trotzdem wurde im Lauf der Jahre immer wieder auch Kritik laut. So lautete der Tenor auf einem Expertenforum, zu dem der Sprachenrat Saar eingeladen hatte, die Umsetzung der Frankreich­strategie sei ins Stocken geraten, es fehle an der nötigen Begeisterung in der Bevölkerung. Auch der Sprachwissenschaftler Philipp Krämer von der Freien Universität Berlin kommt zu dem Befund, die Strategie sei erlahmt, die Landesregierung konzentriere sich zu sehr auf die Wirtschaftsförderung.

Patricia Oster-Stierle, Romanistik-Professorin an der Universität des Saarlandes und bis 2017 Präsidentin der Deutsch-Französischen Hochschule, sieht die Frankreich­strategie hingegen ausgesprochen positiv: „Ich bin voller Bewunderung, dass ein Bundesland so etwas schafft, das gibt es sonst nirgends.“ Natürlich hätte es schneller gehen können, sagt auch sie. Aber: „Das ist mit Visionen eben so: Es dauert, bis sie Realität werden.“ Oster-Stierle sieht in allen Ministerien einen „großen Willen“, die Vision zu verwirklichen, und verweist darauf, was alles schon erreicht wurde: mehr Französischunterricht, 25 Doppelstudiengänge, französische Verhandlungen am Landgericht – „das sind doch alles sehr gute Zeichen“.

Mit dem neuen Élysée-Vertrag seien zudem administrative Hürden, die die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit in der Grenzregion behinderten, abgebaut worden, sagt Oster-Stierle. „Jetzt können Projekte wie in einem kleinen Labor ausprobiert werden.“

Wichtig wäre es aus ihrer Sicht, den Eltern stärker zu vermitteln, was ihre Kinder davon haben, wenn sie Französisch lernen. Vor allem in saarländischen Unternehmen sei Frankreichkompetenz gefragt. 70 Prozent der Absolventen der Deutsch-Französischen Hochschule fänden innerhalb von drei Monaten eine Anstellung – auch die Geisteswissenschaftler, sagt Oster-Stierle. Auch die duale grenzüberschreitende Ausbildung sieht die Professorin als Chance: In Frankreich sei die Arbeitslosigkeit hoch während in Deutschland Fachkräfte Mangelware seien. Doch bis eine grenzüberschreitende Ausbildung oder ein Doppelstudiengang eingerichtet ist, vergehe eben viel Zeit. „Das sind dicke Bretter, die man bohren muss.“

Oster-Stierle plädiert dafür, die Vorschläge die Patrick Weiten, Präsident des Départements Moselle, vor kurzem im Saar-Landtag gemacht hat – etwa Partnerschaften zwischen allen Schulen in Moselle und im Saarland – umzusetzen. „Die Hand, die da entgegengestreckt wurde, muss man jetzt ergreifen“, sagt die Romanistik-Professorin.

Anders als etwa der Sprachwissenschaftler Krämer ist Oster-Stierle auch nicht der Ansicht, dass die Frankreichstrategie im Alltag nicht präsent sei, und verweist auf Festivals wie Perspectives und Primeurs. Lediglich im Sport, so Oster-Stierle, seien mehr grenzüberschreitende Begegnungen denkbar, „um die Saarländer für die Frankreichstrategie zu begeistern“.