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Betroffene berichten: Frau aus Saarbrücken will mit Rufmord unsere Leben ruinieren​

Fall beschäftigt die Justiz : Drei Betroffene berichten: Eine Frau aus Saarbrücken will mit Rufmord-Kampagnen unser Leben ruinieren

In einer „internationalen Warnung“ im Netz wird der Saarländer Thomas Gräber als Sexualstraftäter und Finanzbetrüger bezeichnet. Doch: Nichts davon stimmt, Gräber ist unschuldig. Die Warnung ist Teil einer Kampagne gegen ihn, hinter der mutmaßlich die Saarbrückerin Annette B. steckt. Und Gräber ist wohl nicht ihr einziges Opfer.

Sucht man Thomas Gräber im Netz, findet man unter anderem sein Facebook-Profil, sein Xing-Profil und auch einen als „internationale Warnung“ gekennzeichneten Beitrag, in dem Gräber als Sexualstraftäter und Finanzbetrüger bezeichnet wird. Mehrere Seiten voll mit angeblichen Straftaten und Betrügereien finden sich in dem Beitrag. Immer wieder auch Fotos gerichtlicher Dokumente, Links auf Social-Media-Profile und Gräbers private Adressen und Telefonnummern. Der Beitrag wird regelmäßig auf Facebook und Twitter gepostet – auch mehrmals öffentlich an der Pinnwand unserer Zeitung. Hunderte, vielleicht Tausende lesen die Anschuldigungen gegen den Saarländer. Grund genug für uns nachzufragen: Was steckt hinter dieser Geschichte?

Die Geschichte von Thomas Gräber

Gräber wohnt im Kreis Saarlouis. Beim Ausmachen eines Termins für ein Gespräch mit unserer Zeitung wirkt er skeptisch, bleibt auch beim Treffen selber zuerst spürbar vorsichtig. Man merkt, dass der 56-Jährige in den letzten Monaten einiges durchgemacht hat und es ihm schwerfällt, Vertrauen zu fassen. Die Geschichte der „internationalen Warnung“ vor ihm beginnt in den 80er-Jahren, erzählt er. Damals machte er seinen Schulabschluss und hatte ein sexuelles Verhältnis mit einer Saarbrückerin namens Annette B. Danach haben die beiden jahrelang keinen Kontakt mehr, erinnert er sich. Bis B. 2014 versucht, Gräber zu kontaktieren. Mehrere Versuche ignoriert er, dann entsteht ab einer Nachricht im Frühling 2020 über die Plattform Xing zwangloser Kontakt zwischen den beiden. Sie schreiben und telefonieren ab und zu. Nach Gräbers Kenntnis hat B. als Fotografin in New York und Monaco gearbeitet. Sie wolle ein Buch schreiben, in dem auch ein Kapitel über die gemeinsame Schulzeit stehen soll – so lautete ihr Beweggrund für die Kontaktaufnahme, erzählt Gräber. Aber dann ändert sich der zwanglose Ton: Die Nachrichten von B. werden intimer und sexueller. Gräber, der seit mehreren Jahren mit seiner Freundin liiert ist, wehrt die Avancen ab. Schließlich werden die Nachrichten so penetrant, dass Gräber den Kontakt abbricht und B. letztlich blockiert.

Kurz darauf berichteten Kollegen und Kunden ihm von der „internationalen Warnung“. Die ausführlichen Anschuldigungen über Missbrauch, Betrug, Belästigung und vieles mehr sind zu diesem Zeitpunkt nicht nur im Netz zu finden. Sie werden, so schildert es Gräber, per Facebook und Mail auch an alle Menschen in seinem Leben geschickt: seine Kollegen, seine Freunde und seine Familie. Sogar seine Kinder erhalten den Beitrag, der ihren Vater als gewissenlosen Kriminellen darstellt. Auch Gräbers Mutter und Freundin werden darin erwähnt und als Komplizinnen seiner Verbrechen bezeichnet. Gräber arbeitet im Finanzsektor, ist auf das Neukundengeschäft angewiesen. Obwohl er auch heute noch in diesem Bereich arbeiten kann, zwingt ihn der Beitrag, seine berufliche Situation umfassend neu zu organisieren, weil der Erhalt seiner Kunden nicht mehr ohne weiteres möglich ist. Auch ein Ehrenamt im Jugend-Fußball in seinem Wohnort gibt er auf, damit die Vorwürfe gegen ihn kein schlechtes Licht auf den Verein werfen. Zu schwer wiegt der Eindruck, den der Beitrag erweckt. Unzählige Male habe er Freunden und Bekannten bereits erzählt, wie der Beitrag zustande gekommen ist und dass nichts davon der Wahrheit entspricht, berichtet Gräber. Er bekomme viel Verständnis zurück. Dennoch seien die Anschuldigungen „sehr belastend“.

Das Leben funktioniert – zumindest in einem „Mikrokosmos“

Von Beginn an dokumentiert Gräber alle WhatsApp-Verläufe und Posts mit B. Aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit mit ihr und dem kürzlich abgebrochenen Kontakt weiß Gräber nach eigener Angabe direkt, dass die Seite, auf der der Beitrag über ihn erschienen ist, von ihr sein müsse. In einer WhatsApp-Nachricht, die B. an einen Schulfreund der beiden geschrieben hat und die unserer Zeitung vorliegt, kündigte sie vor Erscheinen des Beitrages an, Gräber „fertigmachen“ zu wollen. Gräber zeigt B. schließlich an – die Anzeige landet bei der Staatsanwaltschaft in Saarbrücken. B. verklagt Gräber daraufhin ihrerseits, unter anderem wegen Betruges. Wie die Staatsanwaltschaft Saarbrücken mitteilt, wurde das Verfahren gegen Gräber eingestellt – „mangels hinreichenden Tatverdachts“.

Seitdem hat sich juristisch in Gräbers Fall nichts mehr bewegt. „Ich sehe mich nicht als Opfer“, hält der 56-Jährige fest. Dennoch habe er nie geglaubt, dass ihm so etwas passieren könne. Sich nicht kleinmachen lassen und gerichtlich gegen B. vorgehen – das sei ihm jetzt wichtig, betont er: „Man darf sich von so etwas nicht kaputtmachen lassen.“ In dem „Mikrokosmos“, den er sich seit der Veröffentlichung erarbeitet hat, funktioniere sein Leben gut. Aufgehört haben die Belästigungen allerdings nicht. Regelmäßig bekommt Gräber Nachrichten von B. Die E-Mails, die unserer Zeitung vorliegen, beinhalten Anschuldigungen, Beleidigungen und konkrete Drohungen. Immer wieder wird auch die „internationale Warnung“ vor Gräber im Netz gefunden und geteilt. „Es ist an der Zeit, dass es aufhört“, sagt Gräber. Und ist mit diesem Wunsch nicht alleine.

Weitere Zusammenstöße mit der Justiz

Wie die Staatsanwaltschaft Saarbrücken gegenüber der SZ mitteilt, gab es eine weitere Anzeige gegen B. in der saarländischen Landeshauptstadt. Zusammengelegt mit der Anzeige Gräbers wurde das Verfahren nach Lübeck übergeben. Die dortige Staatsanwaltschaft ist aufgrund des aktuellen Wohnortes von B. zuständig. Gegenstand des Verfahrens seien Vorwürfe der Beleidigung und Verleumdung. Die zweite Anzeige stammt von Alexander Sandvoss. Der Pressefotograf stammt aus Weil am Rhein und ist beruflich häufig in Monaco. Dort lernte er Annette B. auf Presseveranstaltungen kennen, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Da es dort wenig deutsche Pressevertreter gebe, kenne man sich untereinander. B. habe sich in Monaco mit einem gekauften Presseausweis eines amerikanischen Verbandes Zutritt zu Veranstaltungen verschafft und angegeben, für amerikanische Medien zu arbeiten. In Monaco und auch immer wieder im Netz bezeichnet sie sich als internationaler Reporter und benutzt einen Künstlernamen. Ihre Bilder lädt sie im Netz hoch, verkauft einige auch an Medien. Dabei verletze sie immer wieder auch Urheberrecht, indem sie Bilder von Fotoagenturen übernehme, so Sandvoss. Dieser Vorwurf bestätigt sich nach kurzer Suche im Netz. Zahlreiche Bilder, die B. in ihrem Namen hochlädt, finden sich so auch bei professionellen Fotoagenturen unter anderen Namen.

Sandvoss selbst geht gegen B. wegen Urheberrechtsverletzung vor, anschließend erscheint über ihn ebenfalls ein Beitrag auf der gleichen Website wie bei Gräber. Dort wird dem Pressefotografen unter anderem vorgeworfen, mit der Mafia zusammenzuarbeiten und Schmierkampagnen gegen „ehrliche“ Journalisten zu betreiben. Sandvoss verklagt B. auch wegen Persönlichkeitsverletzung – mehrfach wird ein Bild von ihm ohne Erlaubnis im Netz zusammen mit den Anschuldigungen geteilt. Nachdem B. nicht zu dem Gerichtstermin erscheint, ergeht vor dem Landgericht Freiburg ein Versäumnisurteil gegen sie. Konkrete Folgen hatte das Urteil für sie allerdings bislang noch nicht. Ihre Nachrichten, die sie schon seit 2017 regelmäßig an Sandvoss schickt, und die unserer Redaktion vorliegen, wurden seit der Zustellung des Urteils im März 2022 allerdings noch aggressiver. Neben Beleidigungen und Drohungen teilt B. das Bild des Fotografen jetzt auch auf Facebook. In mehreren Posts des Fotos, auch in lokalen Gruppen des Wohnortes von Sandvoss, wird unter seinem Bild zur öffentlichen Fahndung nach ihm aufgerufen.

Sobald B. in ihrem Leben auf Probleme stoße, sei es privat oder beruflich, landen die betreffenden Personen mit schwerwiegenden Diffamierungen auf ihrer Website, beschreibt Sandvoss das Vorgehen der Saarländerin. Dutzende Personen seien betroffen, ein Großteil davon Menschen aus Monaco und Frankreich, die er persönlich kennt. Für ihn selbst seien die Diffamierungen, die sich immer wieder auf rassistische Weise auf seine Herkunft beziehen, vor allem erniedrigend. Sowohl auf der Website als auch per Mail wird er immer wieder als „gefährlicher iranischer Krimineller“ bezeichnet. B. droht ihm außerdem regelmäßig damit, für seine Ausweisung aus Deutschland zu sorgen.

Besonders ärgerlich sei zusätzlich, dass Facebook, Google und Twitter den Inhalt der Beiträge nicht immer als Löschungsgrund sehen, kritisiert Sandvoss. In einer unserer Zeitung vorliegenden Mail fordert Google Sandvoss auf, zu beweisen, dass er die vorgeworfenen Straftaten nicht begangen habe. Erst dann könne der Beitrag gelöscht werden. Die Hoffnung in die deutsche Justiz hat der Pressefotograf dennoch nicht ganz verloren. Er hoffe, dass B. der Strafverfolgung zugeführt werde: „Die Frau kann jetzt schon seit Jahren einfach tun und lassen, was sie will.“ Das könne einfach nicht so weitergehen.

„Ich halte diese Frau definitiv für gefährlich“

Auch Fabian Müller (Name von der Redaktion geändert) hatte Kontakt zu B. Unabhängig von Gräber und Sandvoss sagt auch er, dass die Saarländerin hinter der Website stecken müsse, auf der er mit schweren Verbrechen in Verbindung gebracht wird, die er dementiert und für die es keinen Beweis bei der Justiz gibt. Er berichtet außerdem über weitere Auseinandersetzungen von B. mit Polizei und Justiz – einige davon sind dokumentiert und liegen unserer Zeitung vor. Ursprünglich habe er sie als nett und ungefährlich wahrgenommen. Ihr Verhalten könne sich aber blitzartig ändern. Laut und aggressiv könne sie sein, sobald ihr etwas nicht passt, erzählt er. Ihm selbst hat die Website von B. nicht nur geschäftlich, sondern auch psychisch schwer geschadet. Vor allem deshalb will Müller in diesem Artikel anonym bleiben. Zu viel Angst hat er davor, dass die Belästigungen von B. über ihre Website und per Mail wieder zunehmen könnten: „Ich will das einfach nur hinter mir lassen.“ Dass die Justiz noch nichts gegen B. unternommen hat, kann er nicht verstehen. „Man könnte meinen, solche Dinge würden ernster genommen werden“, wirft er vor. „Ich halte diese Frau definitiv für gefährlich.“

Von Verschwörungstheorien und Korruption

Der Betreiber der Seite, auf der die Beiträge über die Opfer veröffentlicht sind, beschreibt die Website als Plattform einer Gruppe investigativer Journalisten, Anwälte und Menschenrechtsaktivisten, die Polizei-Gewalt und Korruption in Monacos Regierung und Justiz aufdecken wollen. Man werde von internationalen Regierungen und Presseagenturen unterstützt. Beweise hierfür oder tatsächliche Namen der angeblichen Journalisten werden nicht genannt. Thematisch widmen sich die meisten Beiträge dem Staat Monaco, immer wieder geht es aber auch um bekannte Verschwörungstheorien in Bezug auf Covid-Impfungen oder den verstorbenen Sexualstraftäter und Millionär Jeffrey Epstein, dessen Suizid 2019 für Spekulationen sorgte. Neben Dutzenden von Anschuldigungen gegen private und öffentliche Personen, die auf der Seite teils schwerer Verbrechen beschuldigt werden und meist mit Fotos gezeigt und ohne Beweis angeklagt werden, sticht vor allem das regelmäßige Teilen gerichtlicher Dokumente und privater Nachrichten auf der Seite hervor. Trotz der Behauptung, auf der Arbeit investigativer Journalisten zu beruhen, wird beim Betrachten der Seite schnell klar, dass die dort erstellten Beiträge mit journalistischer Arbeit nicht viel zu tun haben und nicht professionell geschrieben sind.

B. selbst bestreitet gegenüber ihren Opfern, dass die Seite von ihr stammt und geht dementsprechend auch nicht auf Forderungen ein, die Beiträge aus dem Netz zu nehmen. Der Künstlername, den sie in Monaco verwendet hat, findet sich in den meisten Beiträgen auf der Seite. Ein Großteil der Geschichten ist aus ihrer Perspektive geschrieben und handelt von Ereignissen, die ihr selbst widerfahren sind. In dem Beitrag über Thomas Gräber ist ihr Name zwar nicht erwähnt, das darin Beschriebene beruht allerdings offensichtlich auf ihrem persönlichen Wissen. Sogar ein Screenshot aus einem nachweislich von ihr stammenden privaten Chat ist im Beitrag verbaut. Dass B. auch in Monaco immer wieder mit Polizei und Justiz aneinandergeraten ist, bestätigt unter anderem ein Artikel in der lokalen Presse. Nach einer Verurteilung wegen Störung der öffentlichen Ruhe wird ein Vertreter der Staatsanwaltschaft von der Zeitschrift „Monaco Matin“ mit den Worten zitiert, dass B. für ihr negatives Verhalten in Monaco weithin bekannt sei. Die Social-Media-Profile der Website weisen derweil zahlreiche saarländische Bezüge auf – und deuten damit ebenfalls auf eine Verbindung zwischen B. und der Website hin. Wie die Staatsanwaltschaft Lübeck bestätigt, ist die Seite Teil der Vorwürfe in dem Verfahren gegen B.

Was sagt B. zu den Vorwürfen?

Auf Anfrage unserer Zeitung dementiert B., dass die Seite von ihr ist. Sie habe auch keine Artikel für die betroffene Website geschrieben, sondern sei lediglich mehrfach von den Betreibern der Seite interviewt worden. Sie verfolge „diese Webseiten“ außerdem nicht und es interessiere sie nicht, was dort geschrieben oder gepostet wird. Öffentlich sichtbar hat B. allerdings sowohl im März als auch im April auf ihrer Facebook-Seite Beiträge der Seite gepostet, darunter auch den Beitrag über Gräber und Sandvoss. Mit den beiden halte sie keinen Kontakt, schreibt B. weiter. Sie habe sie überall blockiert. Die E-Mails, die sie sowohl Gräber als auch San