Beim zweiten Tag der Erörterung zur Grubenflutung im Saarland entlädt sich das tiefe Misstrauen vieler Betroffener gegenüber dem Bergbaukonzern RAG.

Erörterung zur Grubenflutung im Saarland : „Wissen Sie eigentlich, was Sie den Menschen antun?“

Beim zweiten Tag der Erörterung zur Grubenflutung entlädt sich das tiefe Misstrauen vieler Betroffener gegenüber dem Bergbaukonzern RAG.

Eben noch hat Michael Drobniewski von der RAG versichert, dass im Falle eines genehmigten Grubenwasseranstiegs auf - 320 Meter keine Schäden durch Senkungen und Hebungen zu erwarten seien. „Und falls doch“, sagt er, werde die RAG die Schäden regulieren – und zwar über die gesetzlich vorgeschriebenen Bedingungen hinaus. Konkret: Auch bei Höhenveränderungen des Erdbodens von weniger als zehn Zentimetern. Und ohne Beweisumkehrlast. Doch in den Gesichtern der nur noch rund 50 anwesenden Bürger sieht man fast durchweg Skepsis. „Das Vertrauen ist weg“, spricht einer aus, was offensichtlich viele hier denken.

Sie erzählen in ihren Wortmeldungen alle eine ähnliche Geschichte, die sie in der Vergangenheit erlebt haben: Vom Eigenheim, das zur Altersvorsorge dienen soll, bis plötzlich bergbaubedingte Beben dem Glück vom eigenen Häuschen schwere Risse zufügen. Und von dann schleppender und nur unzureichender Schadensregulierung durch die RAG. Eine Frau aus Saarwellingen sagt mit tränenerstickter Stimme: „Der Kampf um die Regulierung hat mich drei Jahre meines Lebens gekostet.“ Drobniewski versichert erneut: „Wir bemühen uns um eine bestmögliche Schadensregulierung.“ Das im Aufbau befindliche Bodenbewegungskataster des Landes werde es zudem ermöglichen, bei einer Teilflutung Hebungen und Senkungen genau analysieren zu können. Eine andere Frau aus Saarwellingen ruft: „Ich kann nicht glauben, was Sie da vorhaben. Dass es wieder passieren soll. Wissen Sie eigentlich, was Sie den Menschen antun?“

Michael Drobniewski, Leiter der Grubenwasserhaltung bei der RAG. Foto: BeckerBredel

Später, nach weiteren kritischen und teils erbosten Wortmeldungen, stellt Drobniewski fest: „Egal, was ich sage, ich werde Ihre Meinung, Ihren Glauben offenbar nicht ändern können.“ Er könne das bei den Erfahrungen, die die Menschen gemacht hätten, sogar „nachvollziehen“, sagt er.

Auch das Oberbergamt, das die Erörterung in dem Großraumzelt auf dem RAG-Gelände in Ensdorf leitet, genießt offensichtlich wenig Vertrauen bei den Betroffenen. Einer von ihnen sagt: „Ich glaube nicht, dass das Oberbergamt neutral ist.“ Es ist das einzige Mal, dass bei dem sichtlich um Vermittlung bemühten Verhandlungsleiter Ulrich Heinz vom Oberbergamt so etwas wie Zorn in der Stimme auszumachen ist. „Wir sind neutral“, zischt er. Am Vortag noch hatte eine Gegnerin der von der RAG beantragten Teilflutung von ihm erfahren wollen, ob die Stenographen, die die gesamte Erörterung protokollieren, neutral seien – oder mit dem Oberbergamt oder der Landesregierung unter einen Decke steckten. Die Stenographen gehören zu einem selbstständig arbeitenden Familienunternehmen.

An einem Podium in dem Großraumzelt in Ensdorf können sich Betroffene zu Wort melden. RAG-Vertreter nehmen dann dazu Stellung. Foto: dpa/Oliver Dietze

Als am Nachmittag die Themen Grund- und Trinkwasser auf der Tagesordnung stehen (mit denen das Oberbergamt auf Wunsch des BUND Saar bis nach der Mittagspause gewartet hat), hat sich die Stimmung unter den Gegnern kaum geändert. Die RAG erklärt ebenso wie zwei Gutachter, dass mit einer Beeinträchtigung des Grund- und Trinkwassers durch die beantragte Teilflutung ehemaliger Bergwerksgruben nicht zu rechnen ist. Denn Grund- und Grubenwasser trennten selbst nach kompletter Teilflutung in der sogenannten Phase 1 noch wenigstens 500 Meter voneinander. Auch werde sich die Wasserqualität der Saar „nicht verschlechtern“, so Drobniewski. Der Grünen-Politikerin Barbara Meyer-Gluche, die sich als Privatperson bei der Erörterung zu Wort meldet, reicht das nicht. Es sei „frech“ zu behaupten, eine Beeinträchtigung des Trinkwassers durch die Flutung ausschließen zu können. Der Gutachter des Landes, Professor Jürgen Wagner, habe selbst gesagt, dass man dies zumindest im Scheidter Tal nicht hundertprozentig ausschließen könne. „Jedes noch so kleine Risiko für das Trinkwasser, ist ein Risiko, dass wir nicht eingehen dürfen“, fordert sie unter lautem Beifall der Betroffenen.

Der anwesende Gutachter Wagner sieht sich daraufhin genötigt, Meyer-Gluches Angaben zu seinem Gutachten zu präzisieren. Und da muss man genau hinhören, um es inhaltlich zu verstehen: Selbst bei einer „worst-worst-case“-Betrachtung – „also mit doppeltem ,worst’“, wie Wagner betont – und „wider aller Erfahrungen und Erkenntnisse“ sei die Wahrscheinlichkeit einer Kontamination des Grundwassers im Scheidter Tal „nahe Null“. Meyer-Gluche zeigt sich unbeeindruckt. Das sei eben nicht hundertprozentig. „Meine Bedenken wurden nicht ausgeräumt.“ Auch Stefan Peter Kunz vom Zweckverband Wasserversorgung der Stadt- und Landgemeinden des Kreises Neunkirchen wird später fordern: „Wir brauchen eine uneingeschränkte Sicherheit für unser Grundwasser.“

Als sich Manfred Reiter vom Landesverband der Bergbaubetroffenen (Igab) zu Wort meldet, ahnt man schon, dass sein „Dank an die RAG“, die sich am Vortag für bergbaubedingte Erschütterungen in der Vergangenheit entschuldigt hatte, einen bitteren Beigeschmack hat. „Ich hoffe“, schickt Reiter denn auch hinterher, „dass sie sich in 20, 30 Jahren nicht wieder entschuldigen müssen für das, was dann passiert ist.“ Die als Aussprache gedachte Erörterung vermag die Kluft zwischen Gegnern und RAG nicht zu verringern. Sie offenbart sie.

Infos zum Erörterungstermin und den tagesaktuellen Themen unter www.saarland.de/228869