1. Saarland

Autor Bernhard Schlink wird 75

Bestseller-Autor : Der Meister der klaren Sprache

Kein deutscher Roman war nach 1945 international erfolgreicher als „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink. 1995 erschienen, stand er 1997 auf Platz eins der Bestsellerliste der „New York Times“.

Er wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt und erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise.

Der Roman stellt mit seiner ungewöhnlichen Geschichte vor allem Fragen. Der 15-jährige Michael lernt 1959 in Heidelberg die 20 Jahre ältere Straßenbahnschaffnerin Hanna kennen, die ihn verführt, die er liebt, und doch bleibt immer eine Distanz zwischen ihnen. Warum sprechen sie so wenig miteinander? Er liest ihr stattdessen vor, wenn er sie besucht. Erst einige Jahre später trifft er sie wieder, Hanna ist eine Angeklagte in einem KZ-Prozess, den Michael als Jura-Student verfolgt. Hanna war Aufseherin in Auschwitz. Sie wird verurteilt, weil sie aussagt, einen sie belastenden Bericht geschrieben zu haben. Dabei wollte sie nur nicht zugeben, dass sie Analphabetin ist, nicht schreiben kann.

In den Gefängnis-Jahren besucht Michael Hanna nicht, schickt ihr aber Tonbandkassetten, die er besprochen hat. Angeregt durch die Literatur, lernt sie, selbst zu schreiben. In der Nacht, bevor sie aus der Haft entlassen wird, erhängt sie sich.

Bernhard Schlink wurde als Sohn eines Theologieprofessors am 6. Juli 1944 in Großdornberg geboren, heute ein Teil von Bielefeld. Er studierte Jura in Heidelberg und Berlin, promovierte 1975 in Heidelberg, habilitierte sich 1981 in Freiburg im Breisgau, lehrte anschließend in Bonn, Frankfurt am Main und an der Humboldt-Universität in Berlin. Von 1987 bis 2005 war er Richter am Verfassungsgerichtshof Nordrhein-Westfalen in Münster. Er lebt heute im Ruhestand in New York und Berlin.

Seinen ersten literarischen Text, den Krimi „Selbs Justiz“, schrieb Schlink zusammen mit einem Freund, Walter Popp. Hauptfigur ist Gerhard Selb, ehemaliger Staatsanwalt, jetzt Privatdetektiv, ein Mann mit einer Nazivergangenheit. Schon dieser Kriminalroman, erschienen 1987, ist ein typischer „Schlink“: prägnant erzählt in einer einfachen, klaren, aber nicht simplen Sprache. Schauplatz der Geschichte ist wie in allen seinen Romanen das Deutschland des 20. Jahrhunderts mit seinen politischen Verfehlungen und Verbrechen.

Dabei moralisiert Schlink nicht, er erzählt nur, überlässt das Urteil den Leserinnen und Lesern. Das haben ihm einige Kritiker übelgenommen, ihm wurde unter anderem „Gefühls- und Geschichtskitsch im Umgang mit der NS-Zeit“ vorgeworfen. 2002 kommt Schlinks Essaysammlung „Vergangenheitsbewältigung und gegenwärtiges Recht“ heraus.

„Ich bin beim Schreiben glücklich“, sagte er 2009 der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Schlink war und ist ein sehr fleißiger Autor, hat Essays veröffentlicht, Erzählungen und immer wieder Romane. Sie erregten allerdings weit weniger Aufsehen als „Der Vorleser“. Morgen wird er 75 Jahre alt.