1. Saarland

Ausruhen können sich die Denkmal-Bauleute nieDen Hüttenmännern auf der Spur

Ausruhen können sich die Denkmal-Bauleute nieDen Hüttenmännern auf der Spur

Völklingen. Wer mit Denkmälern zu tun hat, muss stets auf Überraschungen gefasst sein

Völklingen. Wer mit Denkmälern zu tun hat, muss stets auf Überraschungen gefasst sein. "Wir mussten dort schnell handeln", sagt Meinrad Grewenig (Foto: rup), Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, und weist auf die eingerüsteten Kohletürme hinter der Kokerei des Denkmals, "die Bauten waren beide hoch in Gefahr": Die Standfestigkeit war nicht gesichert. Also wurden im Eilverfahren die Bauleute zu den Türmen beordert: Notsanierung für den Betonbau links und die Stahlkonstruktion rechts. Der Beton-Turm sei praktisch fertig, erläutert der Denkmal-Chef den Stand der Dinge. Kostenpunkt: 411000 Euro, netto, ohne Steuer. Die Renovierung des Stahl-Turms nebenan, 300000 Euro teuer, dauere noch bis November. Aber dann, betont Grewenig, seien die beiden Bauten "nachhaltig" saniert. Heißt: Sie brauchen in den nächsten 20, 30 Jahren keine kostspielige Zuwendung mehr, nur noch Überwachung, jährliches "Monitoring".Solch einer "nachhaltigen" Sanierung haben die Bau-Fachleute in den vergangenen Jahren bereits große Teile der historischen Hüttenanlage unterzogen. Hochofenbüro und Erzschrägaufzug sind dabei. Möllerhalle und Sinteranlage. Erzhalle und Erzplatz. Der Roheisenkanal. Die Gichtbühne - "komplett", vom Hochofen 1 bis zum Hochofen 6, in voller Gut-200-Meter-Länge, wie Grewenig stolz hervorhebt. "Bis 2010 haben wir fast die ganze Anlage saniert", fügt er hinzu.Bis 2010 - ein wichtiges Stich-Datum, denn dann geht der aktuelle Bewilligungszeitraum für die Sanierungs-Zuschüsse zu Ende - gibt es aber noch einiges zu tun. Die Sinteranlage - sie galt noch vor zehn Jahren als unrettbar, eine Abriss-Kandidatin - ist zwar grundsätzlich gerettet, der Vergleich zum früheren Zustand ist eindrucksvoll. Doch Teile des Baus harren noch der Handwerker; manches, etwa die großen Elektrofilter auf dem Dach, wird von Spezialisten als so problematisch beurteilt, dass wohl nur der Abbruch in Frage kommt. Und es ist kein Zufall, dass hohe Plexiglasscheiben Besuchern streng den Zutritt verwehren zum seltsam verwunschen wirkenden, von wildem Grün überwucherten Bereich zwischen der Rückseite des Sinterhauses, der Möllerhalle und dem Kohlegleis. Dort sind, unter anderem, Erzbrecher und Erzsilos zu finden. Über ihren baulichen Zustand weiß niemand Genaues. Um herauszufinden, ob der Bereich noch warten kann oder rasches Handeln fordert, steht eine exakte Bau-Analyse auf dem Sommerprogramm.Auch jenseits des großen Parkplatzes sind Bauarbeiter angerückt. Sie arbeiten am Laborgebäude und an einer Lagerhalle, werden einen Wohnmobil-Stellplatz einrichten und sich der Benzolhäuser annehmen. Wobei auch Letztere untersucht werden müssen - daraufhin, ob sie Gift-Reste aus der Produktionszeit enthalten. Die Luft in den Häusern, berichtet Grewenig, werde regelmäßig auf Schadstoffe überprüft, da sei alles in Ordnung. "Aber was eventuell im Putz steckt oder in den Mauern, wissen wir nicht."Eine weitere Baustelle hat diesen Monat außerdem schon begonnen: Die Gebläsehalle braucht dringend ein neues Dach. "Wir hoffen sehr", sagt Grewenig, "dass wir auch während der Bauzeit zwei Gebläsemaschinen für die Besucher zugänglich halten können."Völklingen. Die Maschinen sind geblieben, imposante Zeugnisse der Eisenzeit. Die Menschen, die sie bedienten, sind gegangen. Aber sie haben Spuren hinterlassen; beim Rundgang durchs Denkmal blitzt hie und da eine Ahnung auf, wie der Alltag in der Hütte gewesen sein könnte. Gefährlich: Vielerorts, etwa im Sinterhaus, haben die Hüttenmänner offizielle Arbeitsschutz-Hinweise ergänzt durch persönliche Extra-Warnungen, handschriftlich an Wände, Tafeln und Maschinen gekritzelt. Von einem rau-herzlichen Umgangston geprägt: Unter den Inschriften sind auch burschikose Frotzeleien. Hart - kleine Annehmlichkeiten mussten die Arbeiter der strengen Umgebung abtrotzen: Davon zeugen die rohe Pausenhütte zwischen Sintermaschinen oder die Eigenbau-Heizöfchen. Doch die sozialgeschichtlichen Spuren verlieren sich fast angesichts der Riesen-Maschinen. Einzig im Hochofenbüro sind sie deutlicher präsent: Dort ist zur Rekonstruktion einer Kaffeeküche - der Initiative Völklinger Hütte zu danken - nun ein rekonstruierter Waschraum hinzugekommen. Ein langes Eisen-Waschbecken, ein paar Wasserhähne, gegenüber wenige Duschen an der Decke - Kargheit, die nachdenklich macht. dd

Auf einen BlickGroße Teile des Weltkulturerbes Völklinger Hütte wurden in den vergangenen Jahren gründlich saniert, unter anderem die Möllerhalle, die komplette Gichtbühne, das Sinterhaus und die Erzhalle. Gearbeitet wird zurzeit an den beiden Kohle-Türmen der Kokerei, am Laborgebäude, an einer Lagerhalle, der Hängebahnwerkstatt und am Erzplatz. Noch in diesem Jahr ist ein neues Dach für die Gebläsehalle fällig. Außerdem eine genaue bautechnische Untersuchung für den Erzbrecher, die Erzsilos und weitere noch unsanierte Denkmal-Bauten zwischen der Staubschutzwand am Kohlegleis, der Sinteranlage und der Möllerhalle. ddHintergrundWenn die Unesco - die Kultur-Organisation der Vereinten Nationen - Denkmäler in den Rang von Welterbe-Stätten erhebt, ist das nicht nur Ehre, sondern auch Pflicht: Ein Welterbe muss authentisch für die Nachwelt bewahrt werden. Das heißt, dass die originale Bausubstanz erhalten werden muss, so weit das irgend geht. Vernachlässigung oder entstellende Eingriffe kann die Unesco mit Aberkennung des Welterbe-Status ahnden. dd