Aufräumwut macht meschugge

Aufräumwut macht meschugge

Also eines will ich Ihnen sagen: Wenn Aufräumen zur Krankheit wird, müsste meine beste Freundin Thea dringend zum Seelenklempner. Sie ist ja so was von pedantisch. Das musste ich diese Woche bei einem nachmittäglichen Besuch bei ihr aufs Neue erleben. Oder halten Sie das für normal?Im Vergleich zu ihrer ansonsten kleinen Zwei-Zimmer-Single-Wohnung hat sie einen geräumigen Flur

Also eines will ich Ihnen sagen: Wenn Aufräumen zur Krankheit wird, müsste meine beste Freundin Thea dringend zum Seelenklempner. Sie ist ja so was von pedantisch. Das musste ich diese Woche bei einem nachmittäglichen Besuch bei ihr aufs Neue erleben. Oder halten Sie das für normal?Im Vergleich zu ihrer ansonsten kleinen Zwei-Zimmer-Single-Wohnung hat sie einen geräumigen Flur. Den beherrschen rund 30 Paar Schuhe, die in Reih und Glied entlang einer Wand stehen. Wie mit einem Zollstock abgemessen.

Ins Wohnzimmer: Auf dem Couchtisch liegt die TV-Zeitschrift. Akkurat im Gleichklang zur Tischkante. Auf dem eselsohrfreien Heft: die Fernbedienung. Nicht irgendwie, sondern im Lot. Millimetergenau.

Im Bad positioniert Thea ihre Haarbürste - wie sollte es anders sein - parallel austariert zum Ende der Ablagefläche unterm Spiegel. Das Kabel ihres Föns ist eng anliegend um den Griff geschraubt. Die Schlaufen einem Gewinde gleich.

Wenn ich mich genau entsinne, war sie es, die während der Schulzeit ihre Schmierzettel wie ein Schönschreibheft pflegte.

Als ich sie auf ihre Aufräumwut ansprach, schaute mich Thea verständnislos an. Setzte sogar eins drauf. Schilderte, wie sie in der Nacht zuvor aufgeschreckt war, sich ans Wasserglas unterm Bett erinnerte. Leer. Bellte nicht. Biss nicht. Leuchtete nicht. Aber: Es störte sie. So lange, bis sie nicht mehr einschlief. Wutentbrannt, völlig gerädert brachte sie es kurz vor sieben in die Küche.

Ihr Wecker schrillte sie um 7.10 Uhr aus der Koje. Ich legte Thea unverblümt nahe, sich behandeln zu lassen.

All das ging mir eine ganze Zeit nach. Noch am Abend beim Abwasch grübelte ich - während ich Gabeln abtrocknete und jede einzeln gedankenversunken im Besteckkasten der Schublade vorsichtig aufeinander stapelte.

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