1. Saarland

Auf Zeitreise ins Saarbrücken des 19. Jahrhunderts

Auf Zeitreise ins Saarbrücken des 19. Jahrhunderts

Saarbrücken. Michael Reimsbach (43) trägt Waffenrock, schwarze Tuchhose, Pickelhelm, Seitengewehr und Lederstiefel. Auch seine Mitstreiter sind bewaffnet und tragen Uniformen aus der preußischen Zeit. Zwei Frauen sind als Mägde verkleidet, eine andere trägt ein opulentes Gewand

Saarbrücken. Michael Reimsbach (43) trägt Waffenrock, schwarze Tuchhose, Pickelhelm, Seitengewehr und Lederstiefel. Auch seine Mitstreiter sind bewaffnet und tragen Uniformen aus der preußischen Zeit. Zwei Frauen sind als Mägde verkleidet, eine andere trägt ein opulentes Gewand. "Sie ist die Frau des Zahlmeisters", sagt Reimsbach und lacht, "die hatten schon immer mehr Geld".Sie alle sind Akteure des Saarlouiser Traditionsvereins "Historische Darstellungsgruppe Infanterie Regiment 30 - Graf Werder". Am Samstagnachmittag hatten sie zu einer besonderen Stadtführung geladen: "Deutsch- französische Geschichte(n) erleben mit Schultze Kathrin".

Die Führung beginnt am "Alten Rathaus" am Schlossplatz und führt über mehrere Etappen zum Schloss auf den St. Johanner Markt. Die Teilnehmer tauchen ein in die Zeit des Deutsch-Französischen Krieges von 1870-1871, als Saarbrücken im Fokus der Weltpolitik stand und die blutige Schlacht bei Spichern am 6. August 1870 fast 1000 Soldaten das Leben kostete. Alle Kostüme sind historisch exakt nachgearbeitet. Das Hobby nennt sich "Reenactment" ("Nachstellung"), erklärt Betriebswirt Reimsbach, "wir lassen geschichtliche Ereignisse in möglichst authentischer Weise aufleben. Bei uns steht das Saargebiet in der Preußenzeit im Fokus. Heute wird aber nicht gekämpft wie bei manchen historischen Veranstaltungen", sagt Reimsbach, "aber wir schildern, wie es zu der Schlacht kam." Dem Verein geht es nicht darum, den "Krieg zu verklären, sondern daran zu erinnern", sagt Reimsbachs Frau Annette (40). Sie hat sich vor zwei Jahren von dem Hobby ihres Mannes anstecken lassen. "Bei unseren Veranstaltungen legen wir besonderen Wert auf die Schicksale einzelner Personen", sagt Annette Reimsbach, "heute darf ich Katharine Weißgerber, auch bekannt als Schultze Kathrin, aufleben lassen". Schultze Kathrin (1818-1886), die aus Schwarzenholz stammt und in Saarbrücken als Magd arbeitete, kümmerte sich während der Schlacht um verwundete Soldaten. Preußenkönig Wilhelm verlieh ihr für ihren Einsatz später das Verdienstkreuz. "Eine mutige Frau, die für Mitmenschlichkeit steht. Ihr war es egal, ob der Soldat deutsch oder französisch war", sagt Reimsbach. Teilnehmerin Ruth Barthel (79) genießt die Führung: "Ich interessiere mich für die Geschichte Saarbrückens", sagt sie, "Nach dem Zweiten Weltkrieg habe ich im Gymnasium nur griechische und römische Geschichte gelernt. Jetzt hole ich ein paar Kapitel nach." ceg