Lost Places: Auf der Jagd nach dem Verfall

Lost Places : Auf der Jagd nach dem Verfall

„Urban Explorer“ besuchen verlassene Orte im Saarland und dokumentieren den Niedergang. Ihre Fotos zeugen von morbidem Charme.

Ein halb verfallenes Haus mitten im Nirgendwo, überwuchert von Sträuchern und Moos. Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört. Im Innern ist alles mit einer dicken Staubschicht bedeckt, die Wände feucht und schimmlig. Im Flur ein blauer Mantel, überzogen mit Taubendreck, und doch feinsäuberlich auf einen Bügel gehängt, darunter ein Paar Stiefel, als hätte sie gerade jemand von den Füßen gestreift. Rostige Gemüsekonserven von Marken, die heute keiner mehr kennt, aufgereiht in der Küche. Die Regale, einstmals liebevoll mit einer Spitzenbordüre verziert, die sich, heute schmuddelig-grau, langsam ablöst, sind schon lange morsch. Im Keller das schlichte Grabkreuz eines Mannes, gestorben am 22. Januar 1960, und man fragt sich unwillkürlich, wer er gewesen sein mag und was das Kreuz dort zu suchen hat.

„Das war das Gruseligste, was wir je erlebt haben“, sagt Thomas (Name geändert). „Wir waren froh, als wir wieder draußen waren.“ Er und seine Frau Nadine (Name ebenfalls geändert) steigen regelmäßig in verlassene Gebäude im Saarland und der Grenzregion ein, in „Lost Places“. Leerstehende Häuser, Klöster, Fabrikhallen, an denen der Zahn der Zeit schwer genagt hat – der Verfall in voller Pracht. Betrachtet man die Bilder, die sie von ihren Touren mitbringen, wird schnell klar, was die Faszination dieses Hobbies ausmacht: Es ist der verbotene Blick in ein längst vergangenes Leben, manchmal in den intimsten Bereich eines Fremden, dessen Gegenwart fast noch spürbar ist. „Wir wollen, dass die Häuser nicht in Vergessenheit geraten, es steckt ja auch immer eine Geschichte dahinter“, sagt Nadine. Und die versuchen sie herauszufinden, indem sie beim Stadtarchiv nachfragen, im Netz forschen oder mit den Anwohnern ins Gespräch kommen.

Das „Urban Exploring“ ist ein regelrechter Trend geworden. Zehn bis 15 Gruppen gibt es im Saarland, schätzt Thomas. Im März vergangenen Jahres ging die Facebook-Seite des Paares an den Start: „Lost Place Explorer Saar“. Seitdem haben sie sich eine kleine Fan-Gemeinde aufgebaut: mehr als 2700 Menschen gefällt ihre Seite. Dass das Interesse so groß sein würde, hat sie selbst überrascht. „Besonders gut kommen Orte an, zu denen die Menschen einen Bezug haben, zum Beispiel ein Schwimmbad, das sie aus ihrer Kindheit kennen“, sagt Thomas.

Inzwischen ist ihre Gruppe auf sieben Mitglieder angewachsen – alles enge Freunde. „Man muss sich auf die anderen verlassen können“, sagt Thomas. Darauf dass sie nicht kurzfristig abspringen, aber auch darauf, dass sie den Standort der „Lost Places“ nicht ausplaudern – ein ungeschriebenes Gesetz in der Szene. Man will nicht, dass immer mehr Menschen in die Häuser einsteigen, sie beschädigen, Dinge mitgehen lassen. Und wahrscheinlich spielt auch ein bisschen Entdeckerstolz mit rein. Die Szene ist nicht ganz frei von Konkurrenzdenken. Zwar geben sich befreundete Gruppen schon mal Tipps, aber die beiden haben auch schon erlebt, dass andere versuchten, herauszukriegen, wo sie als nächstes unterwegs sind, um ihnen die Polizei hinterher zu schicken.

Denn was sie da tun, ist genau genommen illegal. Deshalb wollen sie ihren Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Ein schlechtes Gewissen haben sie trotzdem nicht. „Wenn ein Haus seit 20 Jahren leer steht und niemand sich darum kümmert, ist es dann so dramatisch, wenn wir dort einsteigen?“, fragt Thomas. Dramatisch nicht, aber auch nicht ganz ungefährlich. Decken können brüchig, Böden morsch sein. Deshalb schicken sie immer zuerst Thomas rein, er arbeitet bei der Freiwilligen Feuerwehr, kann am ehesten einschätzen, wie sicher es ist. Nadine hat eine Ersthelfer-Ausbildung, für den Fall der Fälle.

Eine weitere eherne Regel: Alles wird so verlassen, wie es vorgefunden wurde. Kein Zaun, keine Tür, kein Fenster wird aufgebrochen. „Wenn das Gebäude nicht begehbar ist, kehren wir um“, sagt Thomas. Ihre Ziele finden sie zufällig im Vorbeifahren oder durch Tipps im Internet. Für Thomas und Nadine ist das „Urban Exploring“ eine Art Kunst: „Wir versuchen, nicht die schönen, sondern die dunklen Seiten des Saarlands festzuhalten.“

Foto: Lost Place Explorer Saar
Lost Place Explorer Saar. Foto: Lost Place Explorer Saar

Manchmal bleiben sie in den verfallenen Bauten einfach stehen und lauschen, auf den Wind, der durch die Ecken pfeift, das Wasser, das von der Decke tropft – oder auf verdächtige Geräusche. So wie damals, als sie eine alte Villa erkundeten und plötzlich ein schwarzes Auto vorfuhr: Polizisten in Zivil? Sicherheitsleute? Sie wussten es nicht, schauten aber, dass sie davon kamen, schlugen sich in die Büsche und rutschten einen matschigen Abhang hinunter. Der Kick, der Nervenkitzel, macht wohl auch den Reiz ihres ungewöhnlichen Hobbies aus.

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