Assistenzarzt soll vor Jahren Kinder an Uniklinik Homburg missbraucht haben

Verdacht in Homburg : Missbrauch in der Kinder-Psychiatrie

Nicht nötige Behandlungen aus sexuellen Motiven: Jahrelang hat die Uniklinik Homburg die Verdachtsfälle gegen einen Arzt verschwiegen.

Ein Assistenzarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg hat möglicherweise im Zeitraum von 2010 bis 2014 junge Patienten im Alter von fünf bis 15 Jahren sexuell missbraucht. Der Klinikleitung wurden damals die Vorwürfe gegen den Arzt, der in der Ausbildung zum Facharzt war, bekannt. Sie erstattete Ende 2014 Strafanzeige. Der Arzt war auch Jugendtrainer des Vereins Judo Kenshi Homburg-Erbach. Auch dort soll es Vorfälle gegeben haben. Ermittlungen wurden aber eingestellt. Der Trainer wurde 2016 vom Trainingsbetrieb ausgeschlossen.

Die Opfer und deren Erziehungsberechtigte wurden allerdings – wenn überhaupt – erst in den letzten Tagen von der Uniklinik über den Missbrauchsverdacht informiert. Entsprechende Informationen unserer Zeitung bestätigte Professor Dr. Wolfgang Reith, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKS, im Rahmen einer eilig einberufenen Pressekonferenz am Montagnachmittag. Die Staatsanwaltschaft hat wohl nur in einigen Fällen, die den Judo-Verein betrafen, den Sachverhalt gegenüber Betroffenen offengelegt.

Motiv für das jahrelange Verschweigen war angeblich, dass mit der Information den Patienten „mehr geschadet als genutzt werde“. In diesem Zusammenhang wurde zwischenzeitlich wohl auch ein Disziplinarverfahren gegen einen leitenden Beamten und Professor des Klinikums eingeleitet.

Der Arzt Mathias S., den die Uniklinik Ende 2014 fristlose feuerte, ist 2016 im Alter von 36 Jahren gestorben. Wie es heißt, haben die Ermittler aus Zweibrücken damals keine Hinweise auf Selbsttötung oder Tod durch Fremdeinwirkung gefunden. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken musste, so der Leitende Oberstaatsanwalt Michael Görlinger vor Journalisten, daraufhin ihre Ermittlungen einstellen. Mögliche Kontakte des aus dem Allgäu stammenden Mediziners zu einschlägigen Netzwerken oder zu einem Kinderporno-Ring seien bei den Ermittlungen damals nicht bekannt geworden. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung im Raum Zweibrücken wurden 2015 aber kinderpornografisches Material und auch entsprechende Dateien beschlagnahmt. Auf dem Speicher einer Kamera wurden zudem Fotos gefunden, die „offenbar bei Behandlungssituationen entstanden waren“. Konkreten Patienten ließen sich diese Aufnahmen von Körperteilen, unter anderem Genitalien, nicht zuordnen.

Frühere Wirkungsstätte des Assistenzarztes war die sogenannte „Ausscheidungsambulanz“, eine Spezialambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums. Dort werden vorwiegend junge Patienten ab fünf Jahren behandelt, die einnässen oder einkoten. Nach jetzt bestätigten SZ-Informationen soll S. insgesamt mehr als 300 Patienten behandelt und dabei in ungewöhnlich vielen Fällen Untersuchungen im Genitalbereich durchgeführt haben. In einzelnen Fällen sollen sogar Begleitpersonen vor die Tür geschickt worden sein, heißt es. „Nicht angemessenes Distanzverhalten“ zwischen Arzt und Patient ist angeblich ebenfalls in der Klinik aktenkundig. So habe sich S. duzen lassen und möglicherweise auch privat mit Patienten verabredet.

Offenbar auf Druck der Rechtsaufsicht beim zuständigen Wissenschaftsministerium, das in der Staatskanzlei angesiedelt ist und wohl erst vor wenigen Wochen Kenntnis von dem Sachverhalt erhielt, geht die Klinikspitze in die Offensive. Grundlage dafür ist, sagte Abteilungsleiterin Annette Groh, auch ein aktuelles Gutachten des bundesweit anerkannten Experten für Kinder- und Opferschutz, Professor Jörg Fegert (Uniklinik Ulm). Er empfiehlt nachdrücklich, die mutmaßlichen Opfer zu kontaktieren und konkrete Hilfs- und Beratungsangebote zu machen. Der „Weisse Ring“ und andere Organisationen wurden zwischenzeitlich eingeschaltet.

Anlass dafür, dass die Vorfälle aus den Jahren 2010 bis 2014 erst jetzt bekannt werden, ist ein Vermisstenfall, der die Polizei vor wenigen Wochen kurzzeitig beschäftigte. Eltern hatten ein 13-jähriges Kind vermisst gemeldet. Bei der polizeilichen Aufnahme sollen sie eher beiläufig erfahren haben, dass der Name bereits vor Jahren in Zusammenhang mit möglichem Missbrauch aktenkundig wurde. Die Eltern fielen aus allen Wolken. Das Kind ist wenige Stunden nach der Meldung wieder aufgetaucht und wird jetzt psychologisch betreut. Die Opferhilfeorganisation „Weisser Ring“ unterstützt nach Angaben ihres Landesvorsitzenden Gerhard Müllenbach Eltern und Kind. Über ihre Anwältin wurde dann die Dienstaufsicht beim Ministerium unterrichtet. Die Staatsanwaltschaft hatte im Rahmen ihrer Ermittlungen 2015 am Uniklinikum Akten von 34 Patienten der „Ausscheidungsambulanz“ beschlagnahmt und ausgewertet. Eine davon betraf das Jahre später kurzzeitig vermisste Kind.

Von diesen 34 Patienten (23 aus dem Saarland, zehn aus Rheinland-Pfalz und einer aus Baden-Württemberg) sind mittlerweile elf Betroffene bereits volljährig. An sie und die Erziehungsberechtigten der übrigen 23 wurde in den letzten Tagen ein Brief von UKS-Vorstandschef Reith adressiert. Darin ist zu lesen, dass ein 2016 verstorbener Assistenzarzt der Spezialambulanz in früheren Jahren „vermutlich aus sexuellen Motiven heraus nicht medizinisch notwendige Untersuchungshandlungen vorgenommen hat. Diese wurden von ihm als Routineuntersuchungen dargestellt“. Reith informiert weiter: „Im Rahmen des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens gegen diesen Assistenzarzt sind 2015 auch die Krankenakten Ihres Kindes beschlagnahmt worden.“ Gleichzeitig wird mitgeteilt, dass im Rahmen der jetzt für erforderlich gehaltenen Transparenz und Aufklärung im Interesse des Opferschutzes seitens der Uniklinik eine Pressekonferenz stattfinden soll, um auch „anderen möglicherweise Betroffenen Gelegenheit zur Reaktion zu geben“. Parallel zu diesem Brief des ärztlichen Direktors versuchten auch psychologisch geschulte Fachkräfte, die 34 Betroffenen telefonisch zu erreichen. Dies war zum Zeitpunkt der Pressekonferenz nach Reiths Angaben in 22 Fällen gelungen. Ihnen wird Hilfe durch Beratungsstellen angeboten. Erste Anlaufstelle ist die Hotline des „Weissen Rings“, die täglich von sieben bis 22 Uhr unter 116 006 zu erreichen ist. Unter dem Stichwort „Universitätsklinikum Homburg“ wird dort binnen 48 Stunden Hilfe und Beratung organisiert.

UKS-Vorstandschef Reith betonte weiter: „Wir bedauern die Vorfälle zutiefst, erkennen unsere Verantwortung an und sehen uns deshalb als Institution auch in der Pflicht, daraus zu lernen. Zudem haben wir uns seit damals bereits bemüht, unsere Strukturen im Hinblick auf den Patientenschutz zu verbessern, jedoch werden wir dies zum Anlass nehmen, Schutzkonzepte kontinuierlich weiter zu entwickeln und zu überprüfen.“ In den nächsten Wochen sollen zudem rund 270 ehemalige Patienten, die von dem verstorbenen Arzt behandelt wurden, informiert werden. Ihnen sollen Beratungs- und Gesprächsangebote gemacht werden. Dies gilt, sagte die Vertreterin der Rechtsaufsicht, auch für mögliche Betroffene bei dem Judo-Verein.

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