1. Saarland

"Arm vor Gott" - Gedanken zum Fest Allerheiligen

"Arm vor Gott" - Gedanken zum Fest Allerheiligen

Warum gibt es das Fest "Allerheiligen"? Es gibt eine wunderschöne volkstümliche Antwort darauf. "Allerheiligen" ist der Festtag für all die Männer und Frauen, für die an den 365 Tagen des Jahres auf dem Heiligenkalender einfach kein Platz mehr vorhanden ist. Historisch oder wissenschaftlich betrachtet, stimmt das natürlich nicht

Warum gibt es das Fest "Allerheiligen"? Es gibt eine wunderschöne volkstümliche Antwort darauf. "Allerheiligen" ist der Festtag für all die Männer und Frauen, für die an den 365 Tagen des Jahres auf dem Heiligenkalender einfach kein Platz mehr vorhanden ist. Historisch oder wissenschaftlich betrachtet, stimmt das natürlich nicht. Aber ich finde diesen Erklärungsversuch sympathisch, irgendwie steckt ja auch ein Funken Wahrheit darin. "Allerheiligen" als das Fest der Menschen, die zu kurz gekommen sind, für die im Leben zu wenig Platz gewesen ist, die sich der Ellenbogengesellschaft nicht angepasst haben und im Geschrei der Allgemeinheit mit ihrer leisen Stimme nicht durchgedrungen sind. Das Fest der Kleinen und zu kurz Gekommenen - diese Charakterisierung deckt sich genau mit dem Text des Evangeliums. Es ist eine ganz berühmte und bekannte Stelle, die Seligpreisungen aus der Bergpredigt Jesu, wie sie im Matthäus-Evangelium niedergeschrieben worden sind.

Selig sind die Armen, die Trauernden, die Verfolgten, die Barmherzigen . . . Die Frage ist ganz berechtigt: Was zeichnet diese Menschen aus? Warum sollen ausgerechnet die glücklich sein? Was haben sie verstanden, was mir vielleicht bis jetzt unverständlich geblieben ist? Für Jesus scheint das klar zu sein: Für ihn ist selig, wer "arm ist vor Gott", wörtlich übersetzt heißt es "wer arm ist im Geist". Ein schwer verständlicher Satz. Vielleicht kann man ihn so erklären: Selig sind die, die in ihrem Geist wissen, dass sie eigentlich arm sind, vor Gott nichts vorzuweisen haben und auch nichts vorweisen müssen.

Einer, der das verstanden hat, war wohl Martin Luther. "Wir sind Bettler, das ist wahr." Diese Worte fand man am Morgen nach seinem Tod auf seinem Schreibpult. Wir sind Bettler, das ist wahr. Das sagt ein Mann als Quintessenz seines Lebens. Das sagt ein Mann, der immens fleißig gewesen ist, der Großes geleistet und die Welt seiner Zeit maßgeblich verändert hat. Und doch sieht er sich am Ende seines Lebens nicht als jemanden, der der Welt etwas gegeben hat. Er sieht sich zuerst als Bettler, als Mann mit leeren Händen, der darauf angewiesen ist, dass ein anderer, dass Gott ihm die Hand reicht.

Das Fest Allerheiligen am 1. November bietet die Gelegenheit, an all die Menschen zu erinnern, die sich dem Anspruch der Seligpreisungen in verschiedener Weise gestellt haben. Sie haben, jeder auf seine Weise, ihren Glauben gelebt. Viele haben sogar mit ihrem Leben dafür bezahlt. Und wir Lebenden können hoffen und vertrauen, dass alle, die uns vorausgegangen sind, Glück und Erfüllung - ihre "Seligkeit" - gefunden haben.

Unser Autor Wolfgang Drießen ist Pastoralreferent. Als Rundfunkbeauftragter des Bistums Trier beim Saarländischen Rundfunk und beim Deutschlandfunk ist Drießen für die Verkündigungssendungen in Radio und Fernsehen zuständig.