1. Saarland

Antanzen gegen die Routine

Antanzen gegen die Routine

Saarbrücken. "Arbeit! Freiheit! Sieg!" Die Worte werden in die Luft gehämmert und verwandeln sich in Bewegung, bis beide Akteure im Gleichklang sprechen, tanzen, singen. Bei der Einzel-Probe im Tanzstudio Plattform 3 wird deutlich, worum es geht: Einen Impuls aufzugreifen, weiterzugeben und schließlich im gleichen Puls zu agieren

Saarbrücken. "Arbeit! Freiheit! Sieg!" Die Worte werden in die Luft gehämmert und verwandeln sich in Bewegung, bis beide Akteure im Gleichklang sprechen, tanzen, singen. Bei der Einzel-Probe im Tanzstudio Plattform 3 wird deutlich, worum es geht: Einen Impuls aufzugreifen, weiterzugeben und schließlich im gleichen Puls zu agieren. Und so heißt denn auch das Experiment, das der frei schaffende Tänzer und Choreograf Samuel Meystre am Samstag dieser Woche als erste offizielle Produktion im "neuen" Theater im Viertel (TiV) am Landwehrplatz zeigt: "Im Puls" ist eine spartenübergreifende Improvisation mit sieben Akteuren aus den Bereichen Schauspiel, Musik und Tanz.Die Idee entstand, als Meystre das Netzwerk Freie Szene Saar kennen lernte, aus dessen Reihen er die Mitwirkenden - Stefan Scheib, Katharina Bihler, Eva Lajko, Miguel Bejarano Bolivar, Bettina Koch, Dieter Hofmann - rekrutierte. "Das Netzwerk bietet eine gute Möglichkeit, verschiedene Leute zusammenzubringen", sagt Meystre.

1974 in der Schweiz geboren, wohnt er heute in Völklingen. Seine Ausbildung in Zeitgenössischem Tanz, Tanztheater und Improvisation absolvierte er bei internationalen Lehrern; er hatte Engagements in Genf, Zürich, München und Stockholm. In den vergangenen Jahren realisierte er etliche eigene choreografische Arbeiten in der Schweiz und in Deutschland, war Trainer an diversen Theatern und bei verschiedenen Ensembles. Außerdem ist er Gastlehrer für zeitgenössischen Tanz und "contact improvisation" in vielen europäischen Schulen. Am Saarbrücker Ludwisgymnasium etwa unterrichtet er zurzeit Jungs in "Tricking Dance".

Anfang 2006 gründete er mit Künstlern verschiedener Sparten (Tanz, Schauspiel, Bildende Kunst/Videokunst) das "Vobalko", ein international zusammengesetztes "Volksballett Kollektiv" mit interdisziplinärem Ansatz. Meystre arbeitet gern mit Musik und Wort - wobei freilich nicht gesagt ist, dass die Tänzer tanzen und die Musiker musizieren: "Jeder Teilnehmer kommt als Performer", erläutert Meystre. "Jeder darf machen, wonach er sich fühlt. Die Tänzer, die mich am meisten berühren, sind gerade die nicht ausgebildeten." Das beinhaltet das Risiko des Scheiterns, doch dieses Wagnis geht Meystre bewusst ein. Beuge es doch nicht nur der eigenen Routine vor, sondern auch der des Zuschauers.

Meystre möchte vermeiden, dass alle Akteure ihr schieres Können zeigen. Es geht ihm um Kommunikation, Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Abwechslung. Und natürlich nimmt er dabei kalkuliert in Kauf zu polarisieren. "Ich habe bei ähnlichen Sachen schon sehr extreme Publikumsreaktionen erlebt. Die einen haben geschimpft; andere zeigten sich äußerst berührt." Das Überraschungsmoment bei "Im Puls" ist enorm: Die erste gemeinsame Probe findet erst am Donnerstag statt; bis dahin ist von der Struktur bis zu den Themen noch alles offen.

Premiere: Samstag, 5. März, 20 Uhr, Theater im Viertel (im "Feuerdrachen" am Landwehrplatz). Wieder: 2. April, 8. Mai und 4. Juni (dann mit internationalen Gästen und Video).

"Die Tänzer, die mich am meisten berühren, sind gerade die nicht ausgebildeten."

Choreograf Samuel Meystre