Andere Zeiten, andere Beschlüsse

Andere Zeiten, andere Beschlüsse

Saarbrücken. Es ist beschlossen: Für 50 Millionen Euro will die Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (VVS) ein Heizkraftwerk im Industriegebiet Süd bauen. Gleichzeitig bemüht sich die VVS, die Entscheidungshohheit im Kraftwerk Römerbrücke zurückzubekommen. Soweit, so gut? Wer die Historie verfolgt hat, wird sich eventuell wundern

Saarbrücken. Es ist beschlossen: Für 50 Millionen Euro will die Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (VVS) ein Heizkraftwerk im Industriegebiet Süd bauen. Gleichzeitig bemüht sich die VVS, die Entscheidungshohheit im Kraftwerk Römerbrücke zurückzubekommen. Soweit, so gut? Wer die Historie verfolgt hat, wird sich eventuell wundern. Schließlich war erst 2000 im Stadt-Konzern einstimmig der Beschluss gefasst worden, sich aus der Energieproduktion zurückzuziehen: das Heizkraftwerk Römerbrücke wurde mehrheitlich verkauft. Wieso jetzt die teure Rolle rückwärts? Zeigt dies, dass entweder an dem damaligen oder an dem jetzigen Beschluss etwas nicht richtig ist? Hajo Hoffmann war 2000 als Oberbürgermeister der Stadt Saarbrücken Vorsitzender im Aufsichtsrat. Er, heute Vorsitzender des Zukunftsbeirates bei Pro Seniore, hält die jüngste Entscheidung für richtig. Er bezeichnet aber auch das Votum von 2000 als "zwingend" bei den damaligen Wettbewerbsbedingungen. Diese seien nämlich durch die neuen Europäischen Richtlinien für den Energiemarkt dramatisch verändert worden. Für kleinere Unternehmen, insbesondere Stadtwerke, sei absehbar gewesen, dass sie nur dann hätten gut überleben können, "wenn sie keine oder eine geringe eigene Stromproduktion hatten, aber das Netz mit ihrer Stammkundschaft wirtschaftlich gut führen konnten." Hoffmann weiter: "Wenn sie aber eine hohe Eigenproduktion hatten - wir hatten als Stadtwerke über 90 Prozent -, dann waren sie ohne internationalen Partner, der einen Kostenmix verrechnen konnte, dem hoch wahrscheinlichen Konkursfall ausgesetzt." "War nicht abzuschätzen""Ich denke, das war eine "Fehlentscheidung, die man aber damals nicht abschätzen konnte": So bewertet die Grünen-Landtagsabgeordnete und Stadtverordnete Claudia Willger-Lambert den Verkauf der Römerbrücke im Jahr 2000, den sie als VVS-Aufsichtsratsmitglied mittrug. Willger-Lambert, auch heute Entscheiderin in diesem Gremium: "Damals war beim Vertrieb und bei den Netzen mehr zu verdienen als bei der Erzeugung." Das habe sich geändert. Der VVS-Konzern brauche Einnahmen, wie sie vom neuen Kraftwerk erhofft werden, um die Defizite des Verkehrsbereiches abzumildern. Die neuerliche Investition sei mit Blick auf die Renditezahlen in Ordnung.Auch Gerd Bauer, Direktor der Landesmedienanstalt und CDU-Stadtverordneter, war damals und ist heute im Aufsichtsrat. Er sagt, die 2000er-Entscheidung sei aufgrund der Empfehlung des damaligen Vorstands und einer Beratungsfirma erfolgt, weil ein leistungsfähiger Partner gefunden worden sei. Heute hätten sich die Marktsituation für Fernwärme und Gas und die Ausgangslage der Stadt geändert: "Der Wettbewerb wurde härter, die Marge für den bloßen Netzbetrieb für Fernwärme und Gas ist durch die Regulierung gesunken." Außerdem würden dringend zusätzlich Mittel zur "finanziellen Stabilisierung" gebraucht. Nie im direkten Entscheidungsprozess, aber immer ganz nah dran am Thema war und ist Marcel Dubois. Der Stadtverordnete war damals umweltpolitischer Sprecher der SPD im Rat und sitzt heute in einem Aufsichtsrat des VVS-Konzerns. Er betont: "Damals war das Risiko eines eigenen Kraftwerks zu groß, weil die Entwicklungen zu Beginn der Liberalisierung des Strommarktes nicht absehbar waren." Heute seien die Rahmenbedingungen im Energiemarkt klar: "Heute kann man mit Kraftwerken wieder Geld verdienen."

Auf einen BlickDer Aufsichtsrat der Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH (VVS) hat am 10. Juli grünes Licht für den Bau des Heizkraftwerkes Südraum gegeben. Die Gas- und Dampfkraftanlage erzeugt mit einer elektrischen Leistung von 37 Megawatt Strom. Der Strom soll in den Großhandelsmarkt verkauft werden. Die Abwärme wird in das Fernwärmenetz der Stadtwerke eingespeist. Erzeugt werde können 15 bis 25 Prozent des bisherigen Fernwärmebedarfs in Saarbrücken. Die Anlage - geplanter Start: 2011 - soll städtische Töchter mit preiswerter Wärme versorgen und die Netzverluste gleichen. Kosten: 50 Millionen Euro. up

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