An-und-auf-Syndrom der Gourmets

Rübensüppchen statt Möhreneintopf. Rucola an Balsamico-Vinegrette statt Beilagensalat. Schweinebeef auf Püree statt Kotelett und Stampfkartoffeln

Rübensüppchen statt Möhreneintopf. Rucola an Balsamico-Vinegrette statt Beilagensalat. Schweinebeef auf Püree statt Kotelett und Stampfkartoffeln. Bauernschänken in der Region haben's entdeckt und stante pede auf die Karte gesetzt: Vorzügliche Begriffskreationen in hundsgewöhnlichen Speisegaststätten machen das gutbürgerliche Lokal sicherlich nicht zum Gourmet-Tempel mit Anwartschaft auf einen Michelin-Stern. Trotzdem schrieb jemand wohlklingende Sprachhülsen aus dem Rezeptwälzer für die gehobene Küche ab.Diese vornehm daherkommenden Wortquasten sind per se Blender, auch in ausgewiesenen Feinschmecker-Restaurants. Denn wer wird schon von einem niedlichen Süppchen satt? Der Magen füllende Eintopf - er stirbt aus. Warum liegt mein Kotelett auf statt neben den Kartoffeln? Wie unpraktisch, an einem Stück Fleisch herumzusäbeln, das auf rutschig-weicher Unterlage die Balance halten muss, um nicht im hohen Bogen mein Gegenüber zu torpedieren. Was ist mit dem Rucola los? Soll laut Menü neben der Salatsoße liegen. Vor kurzem war es Usus, beides miteinander zu vermengen. Logisch, wer kaut schon gern wie ein Karnickel auf staubtrockener Rauke herum?

Doch nicht alles ändert sich: Die Maggi-Pulle mit dem geronnen braunen Tropfen am Flaschenhals hat auf einer dürren Papierserviette Platz genommen. Der Salzstreuer, in dem mehr Reis- statt Salzkörner stecken, gesellt sich auf dem abgewetzten Holztisch hinzu. Sowie über Jahre geschmacksneutralisierter Pfeffer. Ja, so genießen Gourmets! Fehlt nur noch die Boulette méditerranéenne bei Inge's Brutzelbude.

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