An Dinge erinnern, die nie passiert sind

An Dinge erinnern, die nie passiert sind

Amsterdam. "Man soll immer etwas zu weit gehen, dann erst wird es interessant." Man konnte diesen von Harry Mulisch einmal geäußerten Satz durchaus als sein literarisches Credo verstehen. Was Mulisch, der am Samstag mit 83 Jahren in Amsterdam einem Krebsleiden erlag, damit meinte, ließ sich auf sinnfällige Weise im Roman "Das Attentat" (1982) studieren

Amsterdam. "Man soll immer etwas zu weit gehen, dann erst wird es interessant." Man konnte diesen von Harry Mulisch einmal geäußerten Satz durchaus als sein literarisches Credo verstehen. Was Mulisch, der am Samstag mit 83 Jahren in Amsterdam einem Krebsleiden erlag, damit meinte, ließ sich auf sinnfällige Weise im Roman "Das Attentat" (1982) studieren. Darin verwob er fünf Erzählstränge, die ein irisierendes Licht auf die lebenslangen Schatten der NS-Zeit in der europäischen Nachkriegsepoche (konkret die Zeitspanne von 1945 bis 1981) warfen. Was vordergründig wie eine Entdämonisierung der NS-Zeit anmuten mochte, war in Wahrheit Mulischs Bemühen geschuldet, das Monströse als unseren ständigen Begleiter zu offenbaren.

Die NS-Diktatur war mit seinem eigenem Leben untrennbar verbunden: Sein Vater war ein österreichischer Nazi, seine Mutter eine deutsche Jüdin - ein paradoxe Grundkonstante, die für Mulischs späteres, gebrochenes Weltbild konstitutiv wurde. Als sich die Eltern 1936 scheiden ließen, Mulisch war damals neun, blieb er bei seinem Vater, der bei einer Amsterdamer Bank jüdische Vermögen arisierte, gleichzeitig aber seinen jüdischen Sohn (und dessen Mutter) vor der Verfolgung schützte, während Mulischs Großmutter später im KZ ermordet wurde. Dieselbe Familienkonstellation ist auch dem Astronomen Max Delius eingeschrieben, einer der beiden Hauptfiguren des Erfolgsroman "Die Entdeckung des Himmels" von 1992. Delius blieb nicht das einzige Alter Ego Mulischs. In diesem gewaltigen Mysterienspiel, in dem Gott und sein geflügeltes Personal nach der Entschlüsselung der menschlichen DNA ihre Allmacht verloren haben, weshalb sie den Bund mit den Menschen aufkündigen und Moses' Gesetzestafeln in den Himmel zurückholen wollen - in diesem Roman wie in vielen anderen mutete Mulisch seiner Gemeinde die abenteuerlichsten Handlungswirrnisse zu. Für einen derart zügellosen Fabulierer wie Mulisch gehörten eine wüste Kombinatorik und ein Hang zu phantastischen Wendungen zur inneren Mechanik seiner Erzählwelten. Selbst eingefleischte Mulisch-Fans überblicken zumeist nur einen Bruchteil seines über 60 Romane, Essays und Dramen umfassenden Werkes. Lange als Anwärter für den Nobelpreis gehandelt, wurde sein Werk gerne in zwei Schubladen rubriziert: Auf der einen Seite das uvre, das die Banalität des Bösen analysierte, auf der anderen jenes, in dem sich der verhinderte Naturforscher Mulisch als Schöpfer von Spiegelkabinetten erwies. cis

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