1. Saarland

„Als waere ich die Puffmutter“

Sexbegleiterin : „Als wäre ich die Puffmutter“

Ute Himmelsbach ist Sexualbegleiterin für alte und behinderte Menschen. Ein Beruf in der Tabu-Zone, der jüngst auch die Politik erreichte.

Seine Knochen sind zerbrechlich wie Porzellan. Sein Körper ist verkrümmt. Seine Lippen bringen keine Worte hervor – nur Laute. Auf der Bettkante des 17-Jährigen sitzt schon der Tod – in einem Pforzheimer Hospiz. Doch noch lebt der Junge. Er spürt, fühlt, hat Bedürfnisse. Nach Zärtlichkeit, nach Sexualität, nach all dem, was seine Altersgenossen gerade erleben, erlernen, erfahren. Für den 17-Jährigen unerreichbar – gäbe es Ute Himmelsbach nicht.

Himmelsbach ist Sexualbegleiterin. Zwei Jahre lang ist sie alle paar Monate für einen Tag von Saarbrücken nach Pforzheim gefahren – zum Reden mit dem jungen Mann, zum Kompromisse finden. Manchmal redet sie stundenlang mit ihren Kunden. „Wie in jeder Beziehung eben. Darum geht es in erster Linie“, erzählt Himmelsbach. Die Nähe zu ihm sei groß gewesen. An seine schönen, ausdrucksstarken Augen erinnert sie sich. „Seine Zeit war begrenzt, und er war so positiv.“ Und er wollte sie so gerne erleben: Seine Sexualität. Himmelsbach versuchte viel, um seinen Körper zu verwöhnen. Immer mit Rücksicht auf die zerbrechlichen Knochen. Zärtlich. Massieren. Nähe. Das erste Mal für den Jungen.

Manchmal ist Himmelsbach einfach Lehrerin, berät Angehörige. Zeigt, wie man ein Kondom aufzieht. Das nennt sich Sexualassistenz. Die meisten ihrer Kunden sind behindert – geistig, körperlich oder beides. Auch psychisch Kranke gehören zu ihren Kunden.

Der 17-Jährige aus Pforzheim war bisher ihr jüngster Kunde. Ein über 90-Jähriger der Älteste. Zu viele Kunden seien nicht gut, sagt sie. Gefühle, emotionale Nähe. Das ist viel Arbeit, kostet Kraft. „Die sexuelle Befriedigung ist zweitrangig“, sagt Himmelsbach. Gerade begleitet sie sechs Menschen. Die meisten trifft sie nur alle paar Wochen. Sie hilft ihnen durch schwere Phasen, teilweise Jahre lang – manchmal bis in den Tod. Seit zwei Monaten kommt noch ein anderer junger Mann zu ihr. Er ist 19. Autist. Oft sei er erregt. Er fühle mit seinem Körper. Im Schwimmbad spüre er das Wasser und bekomme eine Erektion, erzählt Himmelsbach. Das verstöre die Leute im Bad manchmal. Bei Himmelsbach kann er sich ausprobieren. Streicheln, schauen, wie eine Frau aussieht. „Seit er hier ist, ist er in der Öffentlichkeit viel unauffälliger geworden“, erzählt die Sexualbegleiterin. Der junge Mann hat Glück. Sein Internat hat Geld für die Stunden bei Himmelsbach gesammelt. Zwischen 70 und 120 Euro kostet eine Stunde. Je nachdem, wie weit die Sexualbegleiterin geht. Zuschüsse gibt es nur selten.

Elisabeth Scharfenberg, eine Grünen-Politikerin, hat erst im Januar eine Kostenübernahme sexueller Dienstleistungen für Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung gefordert. Ergebnis: Kritik von allen Seiten. Durchkommen wird die Forderung niemals, sind sich Himmelsbach und ihr Kollege Michael Sztenc einig.

Aber das sei nicht das einzige Problem. Sexualbegleiter kämpfen gegen einen Ruf. Den Ruf der Prostitution. Ein Seniorenheim fragte bei Himmelsbach an, ob sie nicht ein paar von ihren Damen vorbeischicken könnte. „Als wäre ich die Puffmutter“, sagt sie lachend. Sie nimmt es mit Humor. „Das war nicht böse gemeint. Die hatten einfach dieses Bild im Kopf.“ Das sei schade. „Das Thema Sex ist immer noch ein Tabu. Auch im Jahr 2017“, sagt Sztenc. Dabei ist er allgegenwärtig. Werbung, TV, Filme und vor allem in Pornos.„Das ist aber keine erfüllte Sexualität“, sagt er. Sexualbegleitung sei mehr als nur Sex mit Alten und Behinderten. Gegenseitiges Vertrauen, das über einen langen Zeitraum aufgebaut wird. Nähe und Intimität entwickeln sich schrittweise. Pädagogische Konzepte stecken dahinter. „Eine Prostituierte wäre da völlig fehl am Platz“, sagt Himmelsbach. Dennoch bieten auch Escort-Services Dienste für Behinderte an. „Ich finde das gut, aber es müsste einen anderen Namen kriegen“, sagt sie. Klarer abgegrenzt sein.

Wenn Ute Himmelsbach nackt neben einem ihrer Kunden liegt, sei das für sie ganz natürlich. Sie kenne ihre Grenzen. Das habe sie die Vergangenheit gelehrt. Die Sexualbegleiterin ist ursprünglich Diplomsozialarbeiterin. Über ihr Alter schweigt sie. Mehrere Ausbildungen hat sie gemacht, unter anderem in Tantra-Massagen. Die Sexualbegleitung kam eher zu ihr. Per Zufall. Sie besuchte einen Workshop. Der gefiel ihr so gut, dass sie sich daraufhin beim Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter in Trebel in Niedersachsen ausbilden ließ.

Das machen aber zu wenige, findet Himmelsbach. Gerade einmal rund zehn Sexualbegleiterinnen gebe es in Deutschland, die den Beruf auch ausführen. Ausgebildet seien ein paar mehr. Ihre Arbeit wirke sich auch auf ihr Privatleben aus, sagt Himmelsbach. Die meisten in ihrem Umfeld könnten gut damit umgehen. „Den einen oder anderen hat es auch verunsichert“, erzählt sie. Das bringt die zierliche Frau mit der schwarzen Kurzhaarfrisur aber nicht aus der Ruhe. Viele Schicksale hat sie erlebt. Viele Pannen. Viele Enttäuschungen. Und Verluste. Der 17-Jährige aus Pforzheim – er lebt nicht mehr. Ute Himmelsbach war bis zu seinem Tod für ihn da. Hat ihm Einblicke in die Welt der Sexualität gegeben. Viel investiert. Weil sie ihn mochte. Weil sie mitfühlte.