1. Saarland

Als Neuber durch die Röhre flutschte

Als Neuber durch die Röhre flutschte

Neunkirchen. Es herrschten schwere Zeiten in Neunkirchen. Nichts war mehr, wie es einmal war. Alle mussten mehr tun als andere. Daher blieb einem amtierenden Oberbürgermeister nichts anderes übrig, als seinen fast nackten Corpus öffentlich zur Schau zu stellen

Neunkirchen. Es herrschten schwere Zeiten in Neunkirchen. Nichts war mehr, wie es einmal war. Alle mussten mehr tun als andere. Daher blieb einem amtierenden Oberbürgermeister nichts anderes übrig, als seinen fast nackten Corpus öffentlich zur Schau zu stellen. Dieser Akt sollte anno 1985 Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl vermitteln, es gäbe auch noch lustige Momente im tristen Leben der Neunkircher. So erging damals der Befehl des Oberbürgermeisters Peter Neuber an Stadträte und Mitarbeiter, sich badetauglich bekleidet am Hallenbad einzufinden. Auch sollten sich die Damen und Herren auf eine sportliche Betätigung einstellen. Grund dieses ungewöhnlichen Vorganges war die Einweihung einer Wasserrutsche im Hallenbad. Dem einst so attraktiven Bad fehlte nach 25 Jahren der Glanz. Der architektonische Gag des Erbauers war längst verblasst. Hängedächer bauten inzwischen auch andere. Ein neues Schlaglicht musste her: eine Wasserrutsche. Kein Bad in Südwestdeutschland sollte mit solch einer langen Rutsche aufwarten können. Mit der Möglichkeit couragiert abwärts zu fahren, sollte in Neunkirchen ein Signal zum Aufschwung geschaffen werden. Furchtlos flutschte daher Oberbürgermeister Peter Neuber die 54,80 Meter lange, eine Höhendifferenz von 5,15 Metern und ein Gefälle von 9, 30 Metern überwindende Rutschbahn hinab ins Schwimmbecken. Hinter sich wusste er den damaligen Stadtrat der Fraktion "Die Grünen", Mathias Labouvie. Dies soll, so geht die Fama, Neuber veranlasst haben, fluchtartig mit einem Tempo von annähernd 120 Stundenkilometern durch die fast 230 000 DM teure Wasserröhre zu zischen. Vor ihm lag sein Freund, der Schwarze Hermann Bartschmid. Der konnte sich vor der Wasserrakete Neuber nur durch einen Sprung zur Seite retten. Der spätere Oberbürgermeister Friedrich Decker hielt sich damals noch etwas bedeckt. Ihm aber war es gegeben, 24 Jahre später seinen Vorgänger in Sachen Einweihung, Anschaffungspreis und Einweihungsritus zu überbieten. Decker ließ nicht nur das alte Hallenbad samt Wasserrutsche schleifen und ein zehn Millionen Euro teures neues Hallenbad bauen, er toppte auch rein figürlich seinen Vorgänger. Während Neuber in seiner Figur der Neunkircher Notzeit anno 1985 entsprach, demonstrierte der anlässlich der Einweihung des Hallenbades nach Neuberschem Vorbild ebenfalls halb nackt auftretende Decker, dass es Neunkirchen anno 2009 deutlich besser ging als zu Neubers Zeiten. So wiederholt sich schon mal die Geschichte - allerdings unter anderen Vorzeichen beziehungsweise Gewichtungen.