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Identität von toten Soldaten geklärt
Verein macht verschollene Sterbeakten aus Napoleon-Zeit zugänglich

 Ein Verein macht die Akten verstorbener Saar-Soldaten aus Napoleonischer Zeit zugänglich.
Ein Verein macht die Akten verstorbener Saar-Soldaten aus Napoleonischer Zeit zugänglich. FOTO: dpa / Stephan Friedrich
Schiffweiler. Unter französischer Herrschaft mussten vor gut 200 Jahren tausende Männer auch aus der Region Saar und Pfalz für Napoleon in den Krieg ziehen. Eine neue Datensammlung will noch offene Schicksale klären. dpa

Das Schicksal vieler junger Männer, die in der Franzosenzeit unter Napoleon aus dem heutigen Rheinland-Pfalz und dem Saarland in den Krieg eingezogen wurden, ist bis heute ungewiss. Wo sind sie gestorben? Wann? Und woran? Fragen, über die möglicherweise nun eine neue Datenbank Aufschluss geben kann, die der Verein für Landeskunde im Saarland an diesem Samstag (16. Februar) freischaltet. Mitarbeiter des Vereins haben Tausende Sterbeakten aus napoleonischer Zeit digitalisiert, die 200 Jahre lang als verschollen galten.


Mehr als 7000 napoleonischer „Militär-Sterbe-Zettel“ für den linken Rheinbereich habe er 2015 im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin entdeckt, berichtet Projektleiter Stephan Friedrich in Spiesen-Elversberg. Es handele sich um Akten über Männer, die in der Region Saar und Pfalz geboren wurden, und später als Angehörige des französischen Militärs in Militär-Hospitälern in Europa zwischen 1800 und 1815 starben.

„Man kann jetzt damit unbekannte Schicksale klären“, sagt Friedrich, der die Akten mit Hilfe der saarländischen Landesregierung für den Verein ins Saarland holte. Heimat- und Familienforscher könnten ab Samstag auf der Internetseite des Vereins nach Vorfahren suchen. „Für mich hat das Ganze noch eine humanitäre Bedeutung“, sagt der Lehrer weiter. „Weil man diesen vergessenen Soldaten noch einmal den Namen zurückgeben kann und weiß, was aus ihnen geworden ist.“



Alle Originaldokumente seien abfotografiert worden, bevor sie wieder zurück ins Archiv nach Berlin gingen, sagt der Vorsitzende des Vereins, Friedrich Denne, in Schiffweiler. Knapp 3000 Zettel seien bereits übersetzt und bearbeitet, der Rest folge später. Es habe sich allesamt um junge Männer gehandelt, die meist an Fieber oder Blutvergiftung gestorben seien. Als Sterbeorte wurden Lazarette von Salamanca, Hamburg, Stettin oder Paris registriert: „Überall, wo napoleonische Truppen waren - und das war im Grunde genommen in ganz Europa“, sagt Friedrich.

Eines der größten Probleme bei der Auswertung der „Sterbe-Zettel“ seien die notierten Ortsnamen gewesen, erzählt Denne. Die Schreiber waren Franzosen und hätten den Ort so niedergeschrieben, wie sie ihn phonetisch gehört hätten - und das häufig in Dialekt. So wurde aus St. Ingbert beispielsweise Dingmatt oder aus Sengscheid dann Sengschd. Besonders schwer sei es bei Ortsnamen, die eher unbekannt sind, vor allem von kleinen Gehöften in der Pfalz. Aber auch bei Namen gebe es wegen der Schreibweisen teils Probleme der Zuordnung.

Zu der betroffenen Region gehörten damals die beiden Départements „du Mont-Tonnere“ (Donnersberg) mit der Hauptstadt Mainz und „de la Sarre“ (Saar) mit der Hauptstadt Trier. Vermutlich nach Kriegsende seien die Sterbe-Zettel nicht mehr an die jeweiligen Heimatbehörden versandt worden. „Sie fehlen in den kommunalen Registern der Standesämter bis heute und bilden deshalb eine bislang unbekannte neue Quelle für die Familiengeschichtsforschung in Rheinland-Pfalz und dem Saarland“, sagt Friedrich.

Saarlands Minister für Umwelt und Verbraucherschutz, Reinhold Jost (SPD), wird beim Startschuss der Datenbank dabei sein. Er sagte vorab: „Dieses Thema und die Frage, wie können wir Zeugnisse der Vergangenheit bewahren und für die Menschen verfügbar machen, beschäftigt mich auch als Minister, der für die Entwicklung des ländlichen Raums zuständig ist. Wir wollen und werden in meinem Haus das Thema Heimat künftig noch stärker in den Blick nehmen.“

Der Verein hoffe, dass Interessierte, die die Dokumente online anschauten, möglicherweise bei jenen Ortsnamen helfen könnten, die noch nicht zugeordnet seien, sagt Vorsitzender Denne. Der Bestand solle später auch in Kopie an die zuständigen Archive in den beiden Ländern gehen, beispielsweise an das Landeshauptarchiv in Koblenz, das Landesarchiv in Speyer und diverse Stadtarchive.

Der Verein für Landeskunde im Saarland wurde 2007 gegründet. Seit 2016 ist er auch Verband der geschichtlichen Organisationen in der Großregion Saarland, Rheinland-Pfalz, Lothringen, Luxemburg und Wallonien - und vereint insgesamt 75 Organisationen unter einem Dach.