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Akademischer Geist zwischen Wäldern und Mooren

Akademischer Geist zwischen Wäldern und Mooren

Den Schritt ins Ausland hat Sandra Wagner nicht bereut. Seit rund drei Monaten lebt und arbeitet sie in der Universitätsstadt Tartu. Durch seine Geschichte ist Estland eng mit der deutschen Kultur verbunden; viele Einflüsse sind noch heute spürbar.

Dichte Wälder, plattes Land und Hochmoore, durchzogen von zahlreichen Gewässern - eine ursprüngliche Landschaft, in der man noch Elchen, Luchsen und sogar Braunbären begegnen kann. Mitten drin: das moderne und mit rund 103 000 Einwohnern relativ überschaubare Tartu. Hier fühlt sich die Illingerin Sandra Wagner richtig wohl. Seit September wohnt und arbeitet sie in der zweitgrößten Stadt Estlands. An der Tartu Ülikool, der Universität, ist sie DAAD-Sprachassistentin (Deutscher Akademischer Austauschdienst) und unterrichtet als Gastdozentin am Institut für Deutsche Philologie. "Es macht großen Spaß", sagt die 26-Jährige. "Die Studenten sind motiviert und interessiert. Viele sprechen schon gut Deutsch, so dass ich mit ihnen auch anspruchsvollere Diskussionen führen und spannende Projekte umsetzen kann." Auch nach Feierabend bemüht sie sich, den Studenten die deutsche Sprache und Kultur näher zu bringen: "Zurzeit organisiere ich zusammen mit dem Deutschen Kulturinstitut Tartu einen Filmabend, außerdem findet alle zwei Wochen unser Deutsch-Stammtisch statt."

Mit der deutschen Kultur ist Estland durch seine Geschichte eng verbunden. Im Mittelalter schlossen sich mit dem Deutschen Orden ins Land gekommene Vasallen zu einer autonomen Landesverwaltung zusammen, deren Aufgaben später von den hanseatischen Städten übernommen wurden. Die letzten Deutschbalten Estlands wurden während des Zweiten Weltkriegs zwangsumgesiedelt. "Es gibt immer noch viele deutsche Einflüsse", sagt Wagner. So wurde auch die 1632 eingerichtete Uni Tartu 1802 von Zar Alexander I. als deutschsprachige Kaiserliche Universität wiederbegründet.

Auch im Alltag macht sich der Einfluss bemerkbar: Im Supermarkt gibt es neben russischen auch viele deutsche Produkte - anders als beispielsweise in England, wo Wagner ebenfalls ein halbes Jahr gelebt hat. "Estland ist außerdem sehr ordentlich, sauber und modern." Besonders begeistert es sie, dass Internetzugang per Gesetz garantiert wird. "Sogar in jedem Bus ist W-Lan verfügbar." Die Schnellbusse hätten zudem Touchscreens für Spiele und Filme. An den Esten selbst fällt Wagner vor allem eines auf: "Das Leben ist total entschleunigt, was sehr entspannend sein kann - manchmal aber auch frustrierend, zum Beispiel, wenn man es wirklich eilig hat und die Verkäuferin zehn Minuten braucht, um die Cola abzuziehen."

Mittlerweile gewöhnt habe sie sich daran, dass der Este an sich etwas kühl sei: "Smalltalk ist kaum möglich. Das kann für Neulinge irritierend sein." Im universitären Umfeld, wo Auslandsaufenthalte üblich sind, ist dies jedoch anders. So hat die junge Frau hier schon einige Freunde gewonnen, mit denen sie gerne das Nachtleben der Studentenstadt erkundet ("Halligalli auf den Straßen und in vielen Bars") oder Kunst und Kultur genießt. Joggen durch die Natur und Estnisch lernen gehören ebenfalls zum Freizeitprogramm.

Doch so sehr die Illingerin in Estland auch beschäftigt ist, vermisst sie dennoch manchmal die Heimat. Dass Familie, Freunde und der Partner so weit weg sind, ist nicht immer einfach. Über Internet und Telefon wird deshalb regelmäßiger Kontakt gehalten. Doch die Verbindungen sind nicht nur privater Natur: Seit 2011 ist sie als Redaktionsmitglied für das in Saarbrücken ansässige Opus-Kulturmagazin tätig. "Schreiben kann man überall, das ist ein Vorteil."

Eine dauerhafte Rückkehr ist zurzeit nicht geplant: "Ich möchte auch weiterhin im Ausland als Hochschuldozentin arbeiten."