Afghanische Künstlerin Maqsoodi malt Kirchenfenster für ältestes Kloster in Deutschland

Kostenpflichtiger Inhalt: Afghanische Künstlerin Maqsoodi malt Kirchenfenster für Tholey : „Gleichberechtigung ist ein Apfel auch für Adam“

Die afghanische Künstlerin Maqsoodi legt derzeit in einer Saarbrücker Glasmalerei-Werkstatt letzte Hand an ihre Kirchenfenster für die Abtei in Tholey. Wir haben ihr dabei zugeschaut.

Das ist außergewöhnlich. Eine Muslima schafft Kirchenfenster für ein christliches Benediktinerkloster, noch dazu das älteste Deutschlands. Und damit nicht genug. Sie haucht ihrer Kunst zudem unerhört moderne, säkulare Interpretationen ein. Die 62-jährige Mahbuba Elham Maqsoodi sagt dazu: „Unterschied ist Reichtum. Und ich will verbinden.“ Eine starke Botschaft in einer polarisierten Welt.

Dass sich die Benediktinerabtei in Tholey für Maqsoodi entschieden hat, um den Großteil der gotischen Abteikirchen-Fenster neu gestalten zu lassen (die drei Chorfenster steuert Gerhard Richter bei), zeugt von einer beachtlichen Fortschrittlichkeit. Und man scheint der Devise zu folgen: Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.

Zum Beispiel der Sündenfall. Nach der Schöpfungsgeschichte isst Eva, von der Schlange überredet, die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis und gibt auch Adam davon zu essen. Was folgt, ist die Vertreibung aus dem Paradies. Maqsoodi wählt für diese Darstellung auf einem der Kirchenfenster zwar die klassische ikonographische Ordnung: Adam und Eva am Baum, der Apfel als verbotene Frucht. Doch den Apfel, den hält nicht nur Eva in der Hand. „Gleichberechtigung ist ein Apfel auch für Adam“, erklärt Maqsoodi. „Sonst ist in diesen Darstellungen immer nur Eva schuld.“ Der Sündenfall im Männerkloster Tholey wird also nach Einweihung der sanierten Abteikirche Mitte 2020 auch ein Sinnbild für die Gleichberechtigung von Mann und Frau sein.

Die Gleichberechtigung hält bildlichen Einzug ins Gotteshaus: Die Glasmalerin Maqsoodi drückt Adam und Eva in diesem Fensterentwurf jeweils einen Apfel in die Hand. Üblicherweise hält in solchen Darstellungen nur Eva das Symbol für die Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies. Schemenhafte Figuren am Rand sollen veranschaulichen, dass die Bildaussage uns alle betrifft. Foto: Oliver Dietze

Die Abtei habe all’ ihre Fensterentwürfe ausdrücklich gutgeheißen, betont die gebürtige Afghanin Maqsoodi. Auch ist die Darstellung von Adam mit dem Apfel kein Novum. Schon im Mittelalter gab es dies. Doch durchgesetzt hat sich fortan meist Eva mit der schuldbesetzten Frucht. Tholey ist also außergewöhnlich. Auch bei Maqsoodis Satanssturz für die Westseite der Abtei soll das so sein. Zwar trägt der Teufel dort kein Prada, aber ebenso wenig Hörner und einen Schwanz – wie sonst üblich.

Die Themen für die Fenster habe ihr die Abtei vorgegeben, bei der Umsetzung aber freie Hand gelassen. Die 62-Jährige breitet ihre Entwürfe für die 14 Obergaden-Fenster auf einer Werkbank der Glasmalerei-Firma Frese in Saarbrücken aus. Hier werden die Fenster derzeit von Fachleuten gefertigt, während Maqsoodi mit Schwarzlot Konturen nachzieht. Die ersten Glasfenster zeigen, was die Entwürfe bereits erahnen lassen: Strahlende, expressionistische Farben. Blau und Rot sind die Grundfarben, Gelb und Orange bilden das satt strahlende, warme Licht. Die Ätztechnik, die Maqsoodis Glasfenster erfordern, ist aufwendig. 30 bis 40 Stunden sei man mit einem etwa handtuchgroßen Glasabschnitt beschäftigt, heißt es bei der Firma Frese. Doch durch viel Struktur und Muster entsteht hier ähnlich wie bei einem Holzschnitt Dreidimensionalität. Wenn Maqsoodi nun noch mit einem feinen Pinsel nachträglich akzentuiert, fragt man sich fast: Wozu auch das noch? Denn diese Obergaden-Fenster (die übrigen 20 Seitenschiff-Fenster stellt eine Firma in Maqsoodis Wahlheimat München her) werden nach dem Einbau rund zwölf Meter vom Betrachter entfernt sein. „Kunst braucht Wahrhaftigkeit“, erklärt Maqsoodi. „Ob das dann auch gesehen wird, ist nachrangig.“ Um den Detail-Reichtum zu ermessen, sei dem Betrachter später ein Fernglas empfohlen.

Die Fenster zeigen jeweils Paare. Adam und Eva, Jakob und Isaak, Jesaja und Jeremia oder Simeon und Hanna. Letztere erblicken das Licht Gottes – und eben das strahlt in Maqsoodis Fenster derart intensiv, dass es selbst Ungläubige verzücken muss. Durchwirkt und bevölkert sind ihre Darstellungen immer und fast überall von in Umrissen angedeuteten Figuren. Für Maqsoodi das Sinnbild dafür, „dass die Botschaften der Bilder uns alle betreffen“. Mit Blick auf das Licht Gottes in der neutestamentlichen Darstellung von Simeon und Hanna ist dies eine zutiefst religiöse Aussage. Von einer gläubigen Muslima?

Nein, eine gläubige Muslima sei sie ebenso wenig wie eine gläubige Christin, sagt Maqsoodi. Den Islam sehe sie kritisch. Die Frauen verschleiernde Burka wünscht sie „in den Müll“. Aber: Sie glaubt an einen Gott. Für sie gehe es darum, Brücken zu überqueren und Verbindungen zu schaffen, um Gottes Werk – nämlich ein natürliches Gleichgewicht – aufrecht zu erhalten. Ihr Lebensweg scheint Sinnbild dafür.

Maqsoodi wächst in der traditionalistischen Gesellschaft Afghanistans auf, doch die Eltern erziehen ihre Töchter zu selbstbewussten Frauen. Das wird nicht gern gesehen. Als ihre Schwester von einem islamistischen Terroristen erschossen wird, verlässt sie das Land. Sie erhält ein Kunststipendium in Russland und schließlich politisches Asyl in Deutschland. Mit ihrer Kunst will sie Menschen erreichen und sie offenkundig miteinander versöhnen. In Tholey wird man sich bald ein strahlend ungewöhnliches Bild davon machen können. Unterschied ist Reichtum.

Mehr von Saarbrücker Zeitung